Zeitengalerie

 Es war heutzutage weder eine Seltenheit noch etwas Besonderes, geschieden zu sein. Und es gab auf dieser Welt garantiert weitaus Dramatischeres als einen Ausschlag; selbst wenn er sich an einer wirklich ungünstigen Stelle befand. In dem Moment, in dem die Tür zum Behandlungsraum aufging und der neue Hautarzt seinen Kopf hindurch steckte, erschien Bettina Haller jedoch beides wie eine mittlere Katastrophe.
Nicht, dass sie sich auf dem Absatz in ihn verliebte – sie war ja schließlich kein hormongebeutelter Teenager mehr – sie fand ihn schlicht attraktiv. Sie mochte seine dunkelbraunen Haare und dieses leicht schiefe Lächeln. Das glattrasierte Kinn und die graugrünen Augen über der markanten Nase. Er schien der Typ Mann zu sein, mit dem man gleichzeitig einen romantischen Abend haben, ein Abenteuer erleben und unbeschwert lachen konnte. Sympathisch und gutaussehend eben. Und er wirkte keinen Tag älter als dreißig, höchstens fünfunddreißig.

 

Genau darin lag das Problem. Einen der drei Punkte hätte sie vermutlich ignorieren können, aber nicht alle. Sie schluckte. So selbstbewusst Bettina normalerweise durchs Leben ging, bei dem Gedanken vor ihm ihre Hose auszuziehen, um ihren Ausschlag zu präsentieren, verkrampfte sich ihr der Magen.
Statt also im Wartezimmer Platz zu nehmen, nutzte sie die erstbeste Gelegenheit, ihre Jacke wieder von der Garderobe zu pflücken. An der Rezeption schützte sie ein verschwitztes Meeting vor und war schon halb aus der Praxis, bevor sie den obersten Knopf geschlossen hatte. Die Sprechstundenhilfe schaute zwar etwas irritiert, fragte indes nicht weiter nach. Ob sie einen neuen Termin vereinbaren wolle. Sie würde sich telefonisch melden, meinte sie.
Kurz darauf stand sie draußen auf der Straße und atmete erleichtert aus. Wirklich besser fühlte sie sich dennoch nicht. Letztlich war sie immer noch frisch geschieden, zweiundvierzig und hatte rote Pusteln am Hintern. Abgesehen davon, dass sie ihren rund zehn Jahre jüngeren Dermatologen anziehend fand.
Leicht frustriert begann sie, loszulaufen. Langsam und ohne bestimmtes Ziel. Den Kopf freikriegen … Ihre innere Ruhe zurückgewinnen … Einfach die Füße voreinander setzen.

 

»Junge Frau, kann ich Sie für einen Besuch unserer Ausstellung begeistern?«
Bettina sah verwundert auf. Die plötzliche Ansprache riss sie regelrecht aus ihrer Trance.
»Sie werden es nicht bereuen. Staunen ist hier garantiert.«
Sie staunte bereits jetzt, denn scheinbar war sie doch wesentlich länger unterwegs, als gedacht. Zumindest kam ihr die Gegend so gar nicht bekannt vor.
»Der Eintritt kostet nur zwei Euro fünfzig«, fügte der Mann in seinem historisch anmutenden Kartenhäuschen hinzu. Er grinste breit und entblößte einen goldenen Eckzahn. 
»Worum geht es denn in dieser Ausstellung?«, fragte Bettina höflich, obwohl es sie eigentlich nicht sonderlich interessierte.
»Um Spiegel.«
»Spiegel?«
»Und um Möglichkeiten.«
»Aha.«
»Und um das Mysterium der Zeit.«
Sie überlegte einen Moment, ob sie den Mann nach dem Weg fragen sollte. Zwar musste sie heute nicht mehr zur Arbeit, trotzdem wurde es allmählich spät. Ja, sie sollte fragen – auch wenn sie ihm nur ungern erklären wollte, dass sie sich verlaufen hatte.

 

»Ich nehme eine Eintrittskarte«, hörte sie da ihre eigene Stimme sagen.
»Schön«, erwiderte der Verkäufer lächelnd und schob ein veraltetes Papierticket unten durch das Loch in der Glasscheibe.
»Danke.« Mechanisch holte Bettina ihr Portemonnaie aus der Tasche und packte drei Euro auf den Tresen. »Der Rest ist für Sie.«
Sein erkenntliches Nicken nahm sie bloß noch am Rande wahr. Fast als würde eine unsichtbare Macht sie anziehen, öffnete sie die Eingangstür und folgte dem schmalen Gang, der dahinter lag. Zehn schwach beleuchtete Meter, an deren Ende der Weg in eine beeindruckende Halle mündete.
Hier standen, hingen und lagen sie: Spiegel. Dutzende, eventuell sogar hunderte. Wandspiegel in üppigen Barockrahmen. Standspiegel aus vergangenen Epochen. Reich verzierte Handspiegel in Glasvitrinen. Es gab sie in sämtlichen Größen, Farben und Formen. Der Titel der Ausstellung hatte tatsächlich nicht zu viel versprochen.
Neugierig schlenderte Bettina den Mittelgang entlang. Es gab reichlich Kunstwerke zu bestaunen und ungewöhnliche Stücke zu entdecken. Schließlich blieb sie vor einem ovalen Exemplar mit schlichter silberner Umrandung stehen.

 

»Wahnsinn …«, flüsterte sie und starrte ihr Gesicht in dem Ding an.
Es war unverkennbar ihres – und doch nicht ganz. Es wirkte fahler, hatte Falten um die Lippen und ausdruckslose Augen mit dunklen Schatten. Zudem trug ihr Alter Ego dort eine Art Haube auf dem Kopf.
Faszinierend wozu die heutige Technik imstande war …
Jetzt bewegte sich das Spiegelbild von ihr weg und lief in Richtung einer Wohnstube. Ein Feuer brannte im Ofen und an einem primitiven Holztisch saßen sieben Kinder, die allesamt unterernährt schienen. Aus irgendeinem Grund wusste sie, dass der dazugehörige Ehemann nicht in diesem Bild auftauchen würde. Er war tot. In einem Krieg gefallen. Und unter der Schürze ihres Spiegel-Ichs wölbte sich unverkennbar ein Bauch.
Bettina rückte näher heran.
Mit einem Kribbeln im Nacken beobachtete sie wie die Frau stumm aufschrie und ihr Körper ruckartig nach vorne klappte. Sie hatte Schmerzen. Offenbar stand sie kurz vor der Geburt; und nirgends ein Arzt oder eine Hebamme in Sicht. Sie war in dieser Situation völlig auf sich gestellt.
»Du schaffst das«, flüstere Bettina.
Ihre Augen folgten der Frau in die Schlafkammer, wo sie auf ein primitives Bett sank und die Hände ins Laken krallte. Blut tränkte mittlerweile den grauen Rock. Etwas stimmte bei ihrem schwangeren Ich nicht; das spürte sie so deutlich, als ob sie selbst in den Wehen läge.
»Stark bleiben«, raunte sie heiser.
Die Worte verklangen nutzlos auf ihrer Seite des Spiegels, während die Bewegungen gegenüber erst heftig zunahmen und dann abrupt aufhörten.
Es war vorbei. Kind und Mutter hatten den Kampf verloren. Traurig und schockiert wandte sich Bettina ab. Ihre Augen suchten in der Halle nach anderen Besuchern, aber sie war für heute wohl die einzige. Unsicher ging sie ein paar Meter weiter zu einer der Vitrinen. Die Stücke dort sahen besonders antik und teuer aus.

 

Ein verschnörkelter Handspiegel in Form eines Schmetterlings lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie blinzelte in die silberne Fläche.
Wieder erkannte sie darin ihr Gesicht. Glaubte sie wenigstens – um sicher zu sein, war es entschieden zu schmutzig. Ihr Gegenüber strotzte bloß so vor Dreck. Schwarzer Staub an den Wangen, Flecken in den Kleidern und das braune statt blonde Haar hing der Frau in verfilzten Strähnen vom Kopf. Anscheinend eine Zeit, in der Kosmetikprodukte und Colorationen eher nicht zum Alltag gehörten.
»Welche Geschichte du wohl zu erzählen hast …«, sagte Bettina und berührte mit einer Hand das kühle Glas des Kastens.
Zumindest hätte es sich kühl anfühlen sollen. In Wirklichkeit strahlte es eine Hitze wie von einem lodernden Feuer ab. Sie riss ihre Finger erschrocken zurück und runzelte die Stirn.
»Seltsam …«
Zu ihrer Verblüffung tänzelten bald auch sichtbare Flammen über den Spiegel. Sie umringten ihr anderes Ich und züngelten im Hintergrund, so dass man schwer bestimmen konnte, woher sie letztendlich kamen. Von einem Kamin? Einem Lagerfeuer? Einer brennenden Stadt?
Die Perspektive des Bildes veränderte sich. Als würde eine imaginäre Kamera von einem immer weiter entfernten Standpunkt aus filmen, rückte die Frau mehr und mehr ins Blickfeld. Dazu änderte sich ihre Miene drastisch. Hatte sie zunächst teilnahmslos und abwesend gewirkt, verzerrten sich ihre Züge jetzt auf geradezu groteske Weise. Panik, Schmerz und grenzenloser Unglaube sprachen aus ihnen.
»Oh mein Gott …«
Nun begriff Bettina. Sie wohnte einer Hexenverbrennung bei.
Die Flammen gehörten zu einem riesigen Scheiterhaufen. Ihr Spiegel-Ich stand inmitten eines Bergs aus Reisigbündeln an einen Pfahl gebunden – und was sie anfangs für Schmutz gehalten hatte, war in Wahrheit Ruß.
Fassungslos taumelte sie von der Vitrine weg und atmete gegen die Übelkeit an. Diese Ausstellung eignete sich wahrlich nicht für schwache Gemüter.

 

Ihr reichte es. Sie wollte nach Hause.
Müde blinzelte sie in Richtung Ausgang. Neben der dritten Reihe links ging es raus. Vorsichtig schob sie sich durch den Seitengang und tauchte zwischen zwei klobigen Standspiegeln aus dunklem Holz hindurch. In einem davon sah sie ihr zweites Ich als Magd auf dem Boden knien und einen Steinfußboden schrubben.
Sie huschte weiter.
Aus einem schmiedeeisernen Rahmen blickte ihr eine adelige Bettina in gepuderter Perücke, Reifrock und Korsett entgegen. Hinter ihr stand eine korpulente Zofe, die kräftig an den Schnüren des Letzteren zerrte, um ihrer bedauernswerten Herrin eine Wespentaille zu verpassen.
»Atmen wird ja allgemein überbewertet …«
Sie achtete nun nicht länger im Detail auf die Bilder, sondern beschleunigte ihre Schritte. Kleider, Epochen, Szenen … die anderen Ichs in ihren zahlreichen Varianten flogen nur noch an ihr vorbei. Denn im Endeffekt waren sie alle gleich: Die Spiegelungen zeigten sie gefangen in einem alternativen Leben, das zum Glück absolut nichts mit ihrem eigenen zu tun hatte.
Sie kreuzte eine Frau mit Schlaghose und Demo-Schild, die gerade von einem Polizisten abgeführt wurde. Dann erreichte sie endlich den Ausgang und glitt hinaus auf die Straße.
»Na, hat Ihnen die Ausstellung gefallen?« Der Mann in seinem Kartenhäuschen grinste sie an. »Habe ich zu viel versprochen, oder was?«
»Nein, es war sehr interessant«, antwortete Bettina.
Dazu musste sie nicht einmal lügen. Nichtsdestotrotz hätten sie keine zehn Pferde erneut in diese Halle gebracht. Im Gegenteil, der Wunsch von hier wegzukommen wog offenbar derart stark, dass ihre Beine sich ganz automatisch in Bewegung setzen. Sie einfach geradeaus trugen, ehe sie überhaupt merkte, dass sie lief.
Bald kamen ihr die Häuser wieder bekannt vor. Dafür verblasste bereits jetzt die Erinnerung an die Straßen, die sie eben genommen hatte. Verwirrt schaute sie über die Schulter. Das Gebäude mit der Ausstellung war verschwunden.

 

Drei Tage später stand sie erneut bei ihrem Hautarzt an der Rezeption. Jedoch nicht, um einen Termin zu vereinbaren, sondern um sich aus der Patientenkartei streichen zu lassen. Sie würde in Zukunft zu dem Dermatologen ihrer Mutter gehen. Einem grauhaarigen Mann Ende fünfzig, den sie trotz aller Sympathie weder attraktiv noch interessant fand. Laut mütterlicher Einschätzung ein »extrem kompetenter Mensch«. Womit sich auch das Problem mit dem Ausschlag in absehbarer Zeit erledigt haben sollte.
»Schade, dass Sie uns verlassen«, sagte die Sprechstundenhilfe.
»Die andere Praxis ist einfach näher bei meiner Arbeitsstelle«, schwindelte Bettina.
Die Dame am Schalter nickte verständig.
»Sind Sie meine nächste Patientin?«
»Äh, nein. Ich wollte nur …« Etwas aus dem Konzept gebracht sah sie auf und blickte direkt in die graublauen Augen des Arztes. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus.
»Frau Haller hat die Praxis gewechselt«, ergänzte die Sprechstundenhilfe.
»Ach ja? Schade«, sagte er, wirkte dabei aber alles andere als enttäuscht. »Vielleicht sieht man sich trotzdem irgendwann mal wieder.« Er lächelte Bettina einen verdächtig langen Augenblick an und kehrte schließlich fast widerwillig zurück in den Behandlungsraum.
Ja vielleicht sah man sich wieder … zum Abendessen oder auf einen spontanen Kaffee.
Wenn ihr danach war, konnte sie ja nächste Woche unter einem Vorwand herkommen und nach irgendwelchen vergessenen Unterlagen fragen. Kurz vor Feierabend. Dann hätte er Gelegenheit, sie einzuladen. Oder sie bewies Mut und machte es selbst.
Hörte sich beides nicht schlecht an. Doch jetzt würde sie erst einmal ihre Freiheit genießen. Als frisch geschiedener Single mit lächerlich jungen zweiundvierzig Jahren. Die Welt stand ihr offen – das verstand und wertschätzte sie seit heute mehr denn je.

 

Daniela Herbst 27/02/2017 No Comments

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