Zeitdieb

Als ich noch ein kleiner Junge war, wollte ich immer ein Held sein. Ich wollte glänzende Anzüge mit Cape tragen und durch die Luft fliegen wie Superman. Als schwarz maskierter Fechter die Witwen und Waisen beschützen wie Zorro. Fäden aus meinem Handgelenk schießen wie Spiderman. Oder wenigstens Feuerwehrmann werden.
Im Laufe der Zeit haben sich diese kindlichen Vorstellungen natürlich verflüchtigt. Ich hörte irgendwann auf von einem großen S auf meiner Brust zu träumen, machte eine Ausbildung und wurde Personalberater. Ein Job, den ich nach bestem Wissen und Gewissen ausübte. Solide, ordentlich bezahlt und krisensicher, doch nichts Besonderes. Nichtsdestotrotz bin ich die letzten Jahre damit zufrieden gewesen.


Der Wunsch, ein Held zu sein, verschwand aber nie vollkommen. Er bekam nur eine realistischere Note. So steckte ich all meine Energie in das Bestreben ein starker Partner für meine Ehefrau zu sein, ein guter Vater für meine beiden Jungs, ein zuverlässiger Freund, ein fairer Vorgesetzter und ganz allgemein jemand, den man beruflich wie privat respektieren konnte.
Und bei aller Bescheidenheit glaube ich, dass mir dies im Rahmen meiner Möglichkeiten auch gelungen ist.

 

Selbst als sie vor drei Jahren den Krebs bei mir gefunden haben, schaffte ich es, meine Rolle weiterhin aufrechtzuerhalten. Ich war der Kämpfer, der sich nicht unterkriegen ließ. Der Kerl wie ein Baum, den nicht einmal zwölf Kilo Gewichtsverlust aus der Bahn warfen. Der Typ, der im einen Moment mit dem Kopf in der Kloschüssel hing und im nächsten einen unpassenden Witz über Tiefkühllasagne machte.
Ich zog die Chemotherapie durch; und die Bestrahlung.
Ich kannte die Krankenschwestern beim Vornamen.
Ich versuchte meinen Kindern zuzuhören, wenn sie von ihrem Tag erzählten. Egal, ob ich Schmerzen hatte oder nicht. Wollten mich Freunde besuchen, sagte ich entgegen aller Vernunft nicht nein, sondern riss mich für die kurze Zeit zusammen. Und gelegentlich tat ich sogar so, als würde ich meine Frau am liebsten gleich neben dem Tropf vernaschen. Obwohl ich vermutlich schon mitten im Vorspiel tot umgefallen wäre.
Ich durfte mit Fug und Recht stolz auf mich sein. Auf meine eigene Art trug ich den glänzenden Anzug mit S auf der Brust. Meine Ängste und Probleme gingen niemanden etwas an.
Am Ende habe ich den Krebs besiegt; wie es sich für einen Helden eben gehört.
Sechzehn Monate sind seitdem vergangen.

 

Vor fünf Wochen ist er zurückgekehrt.
Wieder wollten sie mit mir über eine Chemotherapie und Bestrahlung reden. Wieder sollte ich ein Kämpfer sein, ein Mann wie ein Baum, der Witzemacher. Wieder erwartete man von mir, es hinzunehmen. Denn was man einmal geschafft hat, kriegt man garantiert auch ein zweites Mal hin. So denken die Leute.
Ich sagte: »Nein.«
Ich lehnte jede Behandlung ab.
Ich verschwieg es meiner Frau und den Kindern.
Schöner Held bin ich, oder?! Aber ich kann das alles nicht nochmal ertragen. Und ich kann ihnen genauso wenig in die Augen schauen und gestehen, dass ich mich egoistischerweise für den Tod entschieden habe. Dass ich den wichtigsten Menschen in meinem Leben wertvolle Wochen und Monate, die uns gemeinsam geblieben wären, einfach stehle.
Sicher, irgendwann müssen sie es erfahren.
Irgendwann werden sie es erfahren.
Doch nicht heute. Und nicht morgen. Nicht solange ich es schaffe, mich hinter Maske und Cape zu verstecken. Selbst wenn beide nur mehr aus Lügen bestehen.

 

Daniela Herbst 02/10/2014 No Comments

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