Wünsche mit Nebenwirkungen

Irgendwo in einer gewöhnlichen Küche…

»Scheiße, wird es dir nicht allmählich langweilig?!«, keuchend stach Paul Hardebusch die Brandblasen an seiner Hand auf. Dann bestrich er die wunden Stellen vorsichtig mit Salbe und wickelte mehrere Schichten Verbandsmaterial über das rohe Fleisch.
»Nein«, kiekste das kleine Männlein mit Turban, das im Schneidersitz auf dem Kühlschrank hockte. »Ihr bringt mich immer wieder zum Lachen, Meister.«
»Wenigstens einer, der sich amüsiert.«
»Ihr wolltet eine heiße Frau, ich habe Euch eine heiße Frau besorgt.«
»Aber das war doch nicht wörtlich gemeint!« Paul Dschinnbetrachtete das Häuflein Asche, das ihm eben noch schöne Augen gemacht hatte.
»Entschuldigung.« Ein fieses Grinsen entstellte das pausbäckige Gesicht. »Das konnte ich leider nicht ahnen.«
Zum besseren Verständnis der Situation sollte man vielleicht wissen, dass das Männlein ein Dschinn und Paul Hardebusch derjenige ist, der vor sieben Jahren dummerweise seine Flasche geöffnet hat. Seitdem sind die beiden aneinander gebunden; und zwar bis der befreite Geist alle Wünsche seines Herrn in die Tat umgesetzt hat. In der Regel handelt es sich dabei um läppische drei Stück, die sich schnell erledigen lassen. Außer natürlich Letzterer gehört nicht zu den Entscheidungsfreudigsten oder aber …

 

»Verdammt, kannst du nicht endlich verschwinden?!«
»Das Thema hatten wir bereits, Meister. Erst wenn ich jeden einzelnen Eurer hundert Wünsche erfüllt habe. Mir sind da die Hände gebunden.«
Paul seufzte und schnappte sich einen Kühlbeutel.
Ja, das war eine echt schlaue Idee gewesen – wünsch dir bei Wunsch drei einfach eine ganze Menge Wünsche mehr! Die Leute in den Märchen stellen sich bloß zu blöd an. So ein simpler Trick. Aber du bist die ultimative Leuchte!
»Na schön, offiziell fürs Protokoll: Es ist mein Wille, dass du abhaust!«
»In Ordnung.« Quasi auf ein Fingerschnipsen hin verpuffte der Dschinn.
Einige Sekunden herrschte totale Stille. Man hörte nichts bis auf Hardebuschs hektischen Herzschlag und gedämpfte Atemgeräusche. Eine normale Küche an einem normalen Tag; frei von irgendwelchen Flaschengeistern. Dann begann der Raum über dem Kühlschrank, zu flimmern. Das silberne Gerät wackelte und kurz darauf erschien auf seiner Oberkante wieder das pausbäckige Männlein mit Turban im Schneidersitz.
»Bleiben noch sechsundvierzig Wünsche übrig, Meister. Und bitte keine doppelten, Ihr wisst das gilt nicht.«
»Du verfluchter Betrüger, ich sagte du sollst abhauen!«
»Ja. Aber Ihr habt nicht gesagt für wie lange.« Der Dschinn hob bereits bei der letzten Silbe abwehrend die Hand. »Und bevor Ihr auf falsche Gedanken kommt … wenn Ihr mich auf ewig wegwünscht, wechsle ich lediglich die Gestalt oder werde unsichtbar.«

 

Erschöpft sank Paul Hardebusch auf einen Stuhl. Wenigstens hatte ihm dieser Wunsch keine weiteren Blessuren eingebracht. Im Gegensatz zu manch anderem Intermezzo. Er rollte den Ärmel an seinem rechten Arm hoch und betrachtete die Landkarte aus groben wie feinen Narben.
Das wulstige S über dem Ellenbogen nannte er liebevoll »einen Volltreffer im Job«, die zarte rote Linie von der Länge eines Bleistifts »scharfe Braut« und den Stummel, der früher sein kleiner Finger gewesen war, »mehr Biss«. Zusammen bildeten sie »die nötigen Lektionen, um zu lernen, dass ein Dschinn Wünsche gern auf pervers gemeine Art modelliert, ohne sich zu weit vom Wortlaut zu entfernen«.
Insgesamt zierten rund achtunddreißig solcher »Lektionen« in verschiedenen Ausprägungen seinen Körper. Eine Reinfallquote von siebzig Prozent. Das hieß, er ritt sich nach wie vor entschieden zu oft in die Scheiße, aber sein Schnitt wurde in letzter Zeit merklich besser. Kein Wunder, überlegte er doch mittlerweile hundertmal, ehe er einmal den Mund aufmachte. Trotzdem passierten ihm weiterhin grobe Schnitzer a la »heiße Frau«. Das musste er endgültig abstellen.
Noch sechsundvierzig … Ja, wenn er sich am Riemen riss, hatte er reelle Chancen die Sache zu überleben. Ob er das nach allem, was ihm vermutlich die kommenden Monate und Jahre bevorstand, überhaupt wollte, stand natürlich auf einem anderen Blatt.

 

Daniela Herbst 02/04/2014 No Comments

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