WerbeSpott

Ich fürchte, ich muss in Bälde meinen Arzt oder Apotheker konsultieren, denn etwas stimmt ganz und gar nicht mit mir. Wie mir jede Versicherung sicher versichern würde, falle ich unangenehm aus dem Rahmen.
Wobei ich das vermutlich gar nicht bemerkt hätte, wäre ich nicht unlängst von einer guten Freundin mit Verdauungsproblemen auf den Drehverlauf meiner Joghurt-Kulturen angesprochen worden. Bis dato wusste ich nicht, dass Selbige linksherum beziehungsweise rechtsherum marschieren können. Ein Umstand, der wohl von der jeweiligen probiotischen Gesinnung abhängt. Meine gehören zu den Linksdrehern, wie wir herausfanden.



Was uns rasch zum nächsten und umso vieles ernsteren Thema brachte – meiner vernachlässigten Frühstückspolitik. Bislang hatte ich die Entscheidung für eine feste Partei nämlich stets für unnötig gehalten. Unterdessen stehen sich speziell die Lager für Kompaktkekse und Müsli feindlich gegenüber. Es tobt der Krieg am Küchentisch und ich sitze mittendrin und zwischen den Stühlen.
Ich sagte ja, etwas stimmt nicht mit mir.
Unkultivierter Joghurt und anarchistisches Frühstück …
Ich habe auch noch nie in einen Apfel gebissen und nachgesehen, ob mein Zahnfleisch blutet. Sollte ich aber vielleicht irgendwann einmal machen, denn meine Zahnpasta besitzt bloß eine Farbe und keinerlei Zauberfunktion. Ganz zu schweigen von meiner Zahnbürste. Mit ihren ordinär gerade geformten Borsten und dem schnöden Handbetrieb ohne Servicefunktion taugt sie wohl bestenfalls zum Bad schrubben. Da könnte ich gleich auf einem Zweig herumkauen.

 

Überhaupt muss ich feststellen, dass in meinem Erfahrungsschatz so einige Sachen fehlen, die man im Allgemeinen und den Erwartungen gemäß getan haben sollte. Meine Finger in Spülmittel tauchen zum Beispiel. Ich denke zwar, mit Wasser und Seife bin ich besser bedient, nichtsdestotrotz scheint es sich um ein einzigartiges Erlebnis zu handeln. Des Weiteren zeige ich nur ungern öffentlich meine Achseln, selbst wenn ich aufgrund meines sanft-starken Deos keine Schweißränder oder Rötungen fürchte. Ähnlich geht es mir bei dem Gedanken, wegen des Frischekicks nackt in einen Bergsee zu hüpfen. Da kann am Ufer hundertmal die beste Margarine der Welt auf mich warten.
Eventuell mangelt es mir für solche Dinge einfach an dem nötigen Quäntchen Fantasie und einem aktiven Abenteurer-Gen. Obwohl ich es zur Abwechslung eigentlich mal ganz amüsant fände, von zuckerfreien Softdrinks Halluzinationen zu kriegen, die mir die Möglichkeiten des Unmöglichen aufzeigen. Ich bekomme davon höchstens Sodbrennen. Meine Strafzettel in Pudding-Währung zu bezahlen, würde mir ebenfalls gefallen. Unrealistisch? Wer weiß, wäre ich der Typ Frau, der dank atmungsaktiver Slipeinlage die Straße entlang tanzt oder Kreditkarten lässig im Badeanzug versteckt, könnte das sogar funktionieren.
Aber so cool und fresh bin ich eben nicht.
Und wer hat schuld an dem Schlamassel? Meine Eltern.
Tut mir leid, das so direkt sagen zu müssen, doch all dies – und mehr – lässt sich eindeutig auf ihre Versäumnisse im Kinderzimmer zurückführen. Hätten sie mir als Säugling die richtige Windel gekauft, bräuchte ich mich heute nicht mit solchen Selbstzweifeln plagen. Ich würde mich einer Karriere als Primaballerina oder Spitzenwissenschaftlerin erfreuen und vor Selbstvertrauen nur so strotzen. Denn der Schlüssel zum Erfolg liegt offenbar allein in einer trockenen Nacht.
Ja, rückblickend sind mir zahlreiche lebensnotwendige Entwicklungsschritte vorenthalten worden, wie mir scheint. Beispielsweise durfte ich den Verkäufern im Supermarkt nie damit drohen, ihre Regale umzuschubsen. Kam ich nass in Gummistiefeln heim, gab es keine Pizza, sondern ein heißes Bad. Meine Süßigkeiten haben auch nie gerappt oder Reise nach Jerusalem mit mir gespielt.

 

Lücke auf Lücke in meinen frühen Jahren. Wen wundert es daher, dass mir im Erwachsenenalter die Fähigkeit fehlt, an Haarspray zu glauben, das jedem Wetter und wahrscheinlich sogar Kugeln standhält?! Eine Tagescreme, die bei regelmäßiger Anwendung Ackerfurchen glättet? Ein ausgeglichenes Gemüt mittels Beuteltee? Eine Katze, die wegen eines Futtersnacks mit dem Kopf durch die Wand rennt? Respekt! Mein Stubentiger erkennt kaum den Unterschied zwischen hochwertigem Futter und verirrten Insekten.
Mir begegnen beim Kaffeetrinken keine Promis und meine Handwerker haben statt Sixpack und einem Hang zu Light-Getränken eher Arsch-Dekolleté und Bierfahne. Auf meinem Boden erblüht trotz fleißigen Wischens nicht der Hauch einer Sommerwiese. Mein Parfum regt niemanden zu philosophischen Ergüssen an. Der letzte Kerl, der mir seine lange Praline zeigen wollte, trug einen braunen Trenchcoat und … Ach, lassen wir das.
Wie schon mehrfach erwähnt, tickt bei mir irgendetwas gewaltig falsch – und deshalb werde ich mich demnächst in professionelle Hände begeben. Denn ich kann und will so nicht weitermachen. Unterstützung erhoffe ich mir insbesondere vonseiten eines gewissen Herrn Kaiser. Ein Spezialist, den man mir wärmstens empfohlen hat. Oder falls dieser gerade unabkömmlich sein sollte, von seinen Kollegen Doktor Best und Meister Proper.
Mit etwas Glück gehöre ich danach endlich zu den Menschen, die ihre Tippex-Zähne als einzigen Schmuck tragen und nie neue Klamotten kaufen, weil sie das richtige Waschmittel verwenden. Gelingt es ihnen nicht, mir zu helfen, muss ich meinem Leben wohl ein Ende setzen, indem ich mich mit einem extra saugstarken Küchentuch selbst wegwische.

 

Daniela Herbst 23/06/2015 No Comments

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