Wenn man es sehen könnte

Zu gleichen Teilen erschrocken wie fasziniert starrte Robert in den Badezimmer-Spiegel. Vor etwa einer halben Stunde hatte es angefangen. Eine deutlich sichtbare Veränderung, die sich ihren Weg bahnte.
Er keuchte. Als ob seine Mitschüler einen weiteren Anlass bräuchten, ihn zu schikanieren. Der Kalender zeigte erst Mittwoch, trotzdem verzeichnete sein persönliches Mobbing-Barometer bereits etliche Anfeindungen, Beleidigungen und Ausgrenzungen.
»Flachzange«, flüsterte er und fuhr die Buchstaben unter seinem linken Auge behutsam nach. Der neueste Spitzname.
Robert rieb sich Seife ins Gesicht und wusch sie mit einem ordentlichen Schwall Wasser ab. Die Prozedur wiederholte er mehrere Male. Ohne Erfolg. Die Worte und Bilder blieben unverändert auf seiner Haut.
»Während der Pause ignoriert.«
Der kursiv geschriebene Satz in eckigen Klammern prangte seitlich am Hals; knapp unterhalb des Ohrs. Die schwarzen Linien stachen direkt obszön von dem blassen Untergrund ab.
»Vor der Klasse lächerlich gemacht«, las er quer über dem Adamsapfel. Ebenfalls kursiv und in eckigen Klammern.
Schräg darüber, am äußeren Kiefer erkannte man eine Art Comiczeichnung. Sie zeigte einen Jungen, der einem anderen in die Wasserflasche spuckte – und schlimmeres. Robert schüttelte langsam den Kopf. Er konnte es einfach nicht fassen. Überall im Gesicht breitete es sich aus. Gerade erschien ein neues Exemplar direkt auf seiner Stirn.
»Hässliche Schwuch…«

 

Er drehte sich vom Spiegel weg und verließ den gekachelten Raum. Den Rest musste er nicht sehen. Der charmante Kommentar hing ihm auch so im Gedächtnis. Wenn einem parallel dazu jemand auf die Schuhe pisste, vergaß man das eben nicht innerhalb einer Woche. Seitdem war er nicht mehr in die Toilette im zweiten Stock gegangen.
»Deine Mutter hätte dich sofort nach der Geburt ersäufen sollen«, hatte der Mistkerl außerdem angehängt. Doch der merkwürdige Ausschlag beschränkte sich zum Glück aufs Wesentliche.
Ein Blick zur Wanduhr sagte Robert, dass er theoretisch in zehn Minuten in der Schule sein musste. Er würde sich krankmelden. Irgendetwas erfinden. Er streckte die Hand nach dem Telefon aus und fuhr zusammen. Ein plötzlicher Stich in die Brust ließ ihn aufstöhnen. Zaghaften Schrittes kehrte er zurück ins Badezimmer und hob den Pullover hoch.
»Wut. Hilflosigkeit. Angst.« Das Triptychon in Fettdruck leuchtete zwei Handbreit unter dem Schlüsselbein.
Während er die Striche und Kurven betrachtete, fiel ihm das Atmen immer schwerer. Die Buchstaben schienen Lunge und Herz einzuschnüren. Sie flimmerten. Pulsierten. Die Haut darunter wurde rot und warf Blasen. Es brannte. Trieb ihm Schmerzenstränen in die Augen. Die drei Worte verschmolzen allmählich miteinander und bildeten ein neues.
»Zerstört«, hauchte Robert tonlos. Dann sackte er in die Knie und kippte leblos auf den Badteppich.

 

Daniela Herbst 01/09/2015 No Comments

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