Weihnachtssilvester

Es war einmal eine kleine Nordmanntanne namens Erik. Sie – beziehungsweise er – maß trotz seiner zehn Jahre und der tadellosen Herkunft aus einem Privatwald nur knappe zwanzig Zentimeter. Seine Spitze ragte etwas krumm in die Luft. Sein ganzer Wuchs schien ein bisschen zu schmal und er hockte seit fast drei Wochen in einem Terrakotta-Topf. Mit anderen Worten: Er eignete sich ungefähr so sehr als Weihnachtsbaum wie Chilischoten zum Versorgen offener Wunden.
Nun wollte er bei aller Liebe zu Santa Claus, den Rentieren, Geschenken, Eierpunsch, bunten Kugeln, Lametta und Lichterketten auch niemals ein solcher sein. Er hatte weitaus höhere Ziele. Wörtlich genommen. Denn obwohl von der Natur aus dazu auserkoren, in einem nach Zimt duftenden Wohnzimmer zu stehen, wünschte er sich nichts mehr auf dieser Welt als zu fliegen.


Ja, schon als winziger Same träumte er von den Wolken. Im Dunkeln stellte er sich die Sonne vor, und sobald er aus der Erde geschossen war, beobachtete er jede Nacht die glitzernden Sterne am Firmament. Er sah sich dort oben schweben. Mit ihnen tanzen. Sie berühren. Seinen Schatten vor der Scheibe des Mondes abbilden und friedlich der Stille lauschen.
Doch das alles blieben selbstverständlich Träume. Im wahren Leben stand er auf dem Klapptisch eines Weihnachtsbaum-Verkäufers. Von diesem Platz aus schaute er zu, wie seine Brüder und Schwestern in Autos verschwanden, während er Tag um Tag allein zurückblieb. Niemand nahm Notiz von der mickrigen Nordmanntanne.

 

Kurz vor Weihnachten, genauer gesagt am Nachmittag des 23. Dezember, kam ein seltsamer Mann an den Verkaufsstand. Er trug einen dicken schwarzen Mantel und eine rot getönte Sonnenbrille. Seine Augen wanderten über die wenigen noch verbliebenen Bäume. Keiner gefielt ihm. Der eine besaß das falsche Grün. Der andere ließ die Nadeln unmotiviert hängen. Keinen mochte er haben. Er schickte sich beinahe schon an, zu gehen. Da fiel sein Blick zu guter Letzt auf Erik; und ein Lächeln erhellte sein Gesicht.  
»Den nehme ich«, sagte er.
»Gern. Ich packe ihn für Sie ein.«
Papier trübte die Sicht der kleinen Nordmanntanne. Dann fühlte er wie Hände seinen Terrakotta-Topf vorsichtig anhoben und forttrugen. Wie ein Auto ihn zu seinem Bestimmungsort fuhr, sich eine Tür öffnete, er an einem sonnigen Platz abgestellt wurde und der Mann ihn behutsam auspackte. Seine Nadeln schnupperten wieder Freiheit. Er schüttelte sich und nahm sein neues Zuhause in Augenschein. Es war schön. Gemütlich, hell und freundlich. Eine Spur chaotisch, bunt und irgendwie kreativ.
Kaum angekommen wurde Erik mit viel Liebe festlich geschmückt. Kugeln, Popcornketten, Holzengel, Tannenzapfen, Strohsterne. Schick sah er aus; und er verbrachte herrliche Feiertage. Wer behauptet schließlich, dass es keinen Spaß machen kann, ein Weihnachtsbaum zu sein, selbst wenn man nie im Leben einer hatte sein wollen?

 

Die Tage vergingen schnell und es nahte alsbald Silvester. Der seltsame Mann, der ihn zu sich genommen hatte, fieberte diesem Datum offenbar bereits ungeduldig entgegen. Aus dem verschlossenen Nebenraum erklangen merkwürdige Geräusche. Dinge wanderten von dort ins Wohnzimmer und umgekehrt. Manchmal kam er grinsend heraus, zu anderer Zeit wütend und mit Pflastern an seinen Fingern.
»Oh mein Freund, diese Nacht wird unvergesslich«, sagte er und streichelte im Vorbeigehen Eriks Nadeln. »Für uns beide …«
Am Mittag des 31. Dezember nahm er ihm den Weihnachtsschmuck ab. Die Kugeln, die Popcornketten, die Holzengel, die Tannenzapfen, die Strohsterne. Bis er völlig nackt in seinem Terrakotta-Topf stand. Am Nachmittag legte ihm der Mann ein rotes Samtband um die Zweige. Am Abend dann grub er ihn aus der Erde und trug ihn in den geheimen Nebenraum.
Der unvermeidliche Tod einer Freundschaft. Davon hatte Erik gehört. Nach den Feiertagen, spätestens nach Heilig Drei König, verloren Weihnachtsbäume ihren Nutzen. Man verbannte sie in eine weit entfernte Ecke des Gartens oder warf sie zum Vertrocknen auf die Straße. Jetzt drohte ihm wohl ebendieses Ende. Traurig lag er auf einem Schreibtisch und wartete. Doch statt Verbannung und braunen Nadeln schenkte ihm das Schicksal eine Rakete.
Wie bitte?
Ja, der seltsame Mann wollte das vergangene Jahr auf einzigartige Weise verabschieden. Deshalb band er seinen ehemaligen Weihnachtsbaum an eine große selbst kreierte Silvesterrakete, stellte beide zusammen in einer Flasche auf den Balkon und entzündete die Schnur. Sie zischte in die Luft und die kleine Nordmanntanne mit ihr. So wurde Erik am letzten Tag des Jahres sein innigster Wunsch erfüllt: Er flog zu den Sternen.
Und wer in jener Nacht aufmerksam hinsah, der konnte einen gezackten Schatten vor der Scheibe des Mondes erkennen.

 

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Daniela Herbst 20/12/2013 No Comments

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