Wasserwogenwelle

Ich bin ein Flaschengeist. Kein Dschinn, denn ich kann keine Wünsche erfüllen und aus dem Orient komme ich auch nicht. Außerdem wohnen Dschinns meist in kostbaren Öllampen oder edlen Gefäßen. Ich dagegen stecke in einer Mineralwasser-Flasche. Nicht einmal in einer besonders Schicken. Das Etikett wurde vor einer halben Ewigkeit abgekratzt und in ihrem Hals steckt ein alter, verklebter Weinkorken. Sie sieht mitgenommen aus. Das Glas ist zerschrammt. Ein schmieriger grüner Belag wuchert an ihrem Boden und sie riecht ehrlich gesagt ziemlich muffig.

Aber eigentlich verwundert das nicht weiter; Wasserwogeschließlich hat sie eine verdammt lange Reise hinter sich. Und dafür, dass sie schon seit Frühling 2007 durch die Weltmeere schippert, ist sie noch recht passabel beieinander. Zumindest hält sie dicht und schützt ihren Inhalt: meinen Brief. Ich heiße übrigens Ferdi – beziehungsweise Ferdinand. Weshalb meine Eltern den Namen gut fanden, verstehe ich bis heute nicht. Ferdinand klingt nach einem kleinen, mageren Kerl mit Brille und kackbraunen Cordhosen, der den ganzen Tag allein daheim hockt. Passte absolut gar nicht zu mir. Obwohl … klein und mager war ich wirklich. Allerdings lag das am Krebs, darum gilt das nicht.

 

Leukämie. Mann, das hört sich fast harmlos an, wenn dir nicht gerade jemand eine Spritze in den Arm jagt und dir verkündet, dass du deinen achten Geburtstag im Krankenhaus feiern wirst. Leu-kä-mie … Vielleicht hätten sie mich so nennen sollen. Erinnert ein bisschen an einen norwegischen Rennfahrer. Oder einen finnischen Eishockeyspieler. Wäre jedenfalls lustig gewesen. Ab dem Moment meiner Diagnose gab es ohnehin keinen Ferdinand mehr. Ich mutierte zum »Kind mit Krebs«.
Selbst ich vergaß manchmal Ferdi. Was er mochte, was ihn ausmachte. Die Krankheit klebte ständig unter meinen Schuhsohlen. Fast vier Jahre lang teilten wir uns alles – Leben, Familie, Gedanken. Unendlich, zumindest für mich. Irgendwann bekommt man das Gefühl, als hätte die Zeit vorher nie existiert; und sich zu erinnern wird zum Kraftakt.

 

Heute fällt mir das Erinnern etwas leichter und ich kann wenigstens ungefähr sagen, wann das Ganze angefangen hat: in der zweiten Klasse. Es erwischte mich auf halber Strecke zwischen den ersten Diktaten und dem kleinen Einmaleins. Nichts Dramatisches, ich wurde bloß dauernd müde. Später bekam ich Fieber und mir tat alles weh. Meine Mutter meinte, ich hätte mir wohl bei einem Mitschüler die Grippe eingefangen. Zum Arzt schleppte sie mich trotzdem. Wahrscheinlich aus reinem Instinkt heraus. Einer inneren Eingebung, die dafür sorgte, dass sie im Wartezimmer blasser aussah als ihr Sohn.
Die Diagnose ging dann ziemlich schnell. Am einen Tag war ich gesund, am nächsten erklärte mir jeder ich solle »tapfer sein«. Natürlich nicht wörtlich genommen, denn vorher piesackten sie mich mit ihren Bluttests und allerhand Untersuchungen, deren Namen ich nicht einmal buchstabieren kann. Dennoch schien sich quasi über Nacht die Welt geändert zu haben.
Mir fehlten dummerweise die Gelegenheit und das nötige Verständnis, die Sache richtig zu verarbeiten. Meine erste Runde Chemo startete kurz nach den Osterferien und ab da war ich zu sehr damit beschäftigt, regelmäßig in irgendwelche Eimer zu spucken. Ich war meist grün wie der Hulk. Daneben fielen mir sämtliche Haare aus und ich saß oft wochenlang am Stück auf der Station fest. Der einzige Vorteil bestand darin, dass ich aus reiner Routine heraus bald meine Angst vor Nadeln verlor. Zusammengefasst: Es war absolut scheiße – und zum Schluss schickte es mich ins Jenseits.
Wow, das klingt ja furchtbar. Die Wahrheit ist, während der fünften Chemoeinheit verbesserte sich mein Zustand messbar. Hatte der Krebs bis Runde vier erbitterten Widerstand geleistet, schien er auf den Winter hin endlich zu kapitulieren. Am Ende der Behandlung durfte ich sogar nach Hause. Den Rest wollten die Ärzte ambulant erledigen. Das beste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten. Ich freute mich wahnsinnig auf mein Zimmer und meine Spielsachen. Freunde konnte ich leider nicht einladen; wegen der Infektionsgefahr. Egal, es war schön, nach acht Wochen Krankenhaus wieder im eigenen Bett zu schlafen.
Klingt besser – und fairer, denn die Ärzte haben sich damals echt bemüht, mich dieser Welt zu erhalten. Nach der sechsten Chemo war Ferdi schließlich offiziell »leukämiefrei«. Das hieß, ich musste zwar ein paar Tabletten schlucken und regelmäßig Blut abliefern, aber ansonsten lebte ich mit gewissen Einschränkungen mein Leben. Eine Weile glaubten wir ernsthaft der Krebs sei besiegt. War das naiv?
Nun, die Tatsache, dass ich heute als Geist in einer Mineralwasser-Flasche durchs Wasser gondle, sprich irgendwie dafür, oder?!

 

Als im Herbst 2005 der Rückschlag kam, traf er mich nicht unvorbereitet. Das Nasenbluten einige Tage zuvor hatte mich gewarnt. Daher wunderte es mich nicht sonderlich, dass ich eines Vormittags mitten beim Bolzen einfach umgekippt bin. Fußball sollte ich sowieso nicht spielen. »Viel zu anstrengend.«
Ich ignorierte das alles und nahm den Denkzettel gerne in Kauf. Hinfallen war kein Beinbruch, wenn ich im Gegenzug etwas länger Normalität schnuppern konnte. Kein Ding. Nur dachte ich zu dem Zeitpunkt, ich würde wieder aufstehen. Pustekuchen! Ich wanderte auf Station. Ich kriegte Chemo. Mir fielen die Haare aus. Ich kriegte Bestrahlung. Ich spuckte in Eimer. Sie griffen zu Alternativtherapien. Die Leukämie blieb.
Ab November 2006 war ich dann auch nicht mehr das »Kind mit Krebs«, Ferdinand oder Ferdi; ich rutschte ab zu »tapferer kleiner Kerl«. Die Schwestern lächelten mich permanent an. Die Ärzte sprachen von »abwarten«, »aggressivem Vorgehen« und »schwierigen Prognosen«. Mein Vater rasierte sich nur noch selten und meine Mutter versuchte, ihre verheulten Augen vor mir zu verstecken. Ich wusste es natürlich trotzdem: Ich musste bald gehen. Und es war in Ordnung für mich.
Ich will nicht behaupten, ich hätte keine Angst gehabt – Sterben ist eine ziemlich erschreckende Sache. Nur spürt man die Angst nicht ganz so stark, wenn man dauernd krank ist. Die Müdigkeit wiegt das auf; und unterm Strich lernt man, zu akzeptieren.
Meine Eltern hatten länger damit zu kämpfen als ich. Daher wundert es mich im Nachhinein, dass sie mich bei der Aktion Letzte-Wünsche-Fee überhaupt mitmachen ließen. Vielleicht lag es an Weihnachten … Jedenfalls durfte ich Anfang Dezember einen der Bögen ausfüllen. Dort konnte man alles Mögliche ankreuzen: Einen Star treffen, Fallschirm fliegen, ins Kino oder den Freizeitpark gehen, Pizza essen, im Hubschrauber mitfliegen. Ich entschied mich für Pizza – das Einzige, das in meinem Zustand realistisch zu schaffen war. Um seiner selbst willen packte ich aber einen Zettel dazu, auf den ich meinen echten Herzenswunsch schrieb. Keine Ahnung warum. Es war mir irgendwie wichtig.

 

Den Rest der Geschichte kann ich nicht erzählen, ohne mich wie ein totaler Spinner anzuhören. Was eigentlich egal ist, weil der Satz »Ich bin ein Flaschengeist« das im Grunde bereits zu Beginn erledigt hat. Also…
Am ersten Tag des neuen Jahres – nach einem deprimierenden Silvester und einer harten Nacht – besuchte der Leiter des Projekts Letzte-Wünsche-Fee unsere Station. Er brachte meine Salami-Schinken mit, eine Party inklusive Luftballons und für andere Kinder Eintrittskarten, Bücher, Teddys oder Einladungen zum Training ihrer Lieblingsmannschaft. Ein netter, etwas zu blasser Mann. Und außerdem ein waschechter Zauberer.
Ja, das klingt verrückt. Aber er muss einer gewesen sein. Immerhin hat er mich verwandelt und auf Reisen geschickt … Zufall war das bestimmt nicht … schätze ich … Langsam und von vorne: Als er sich von allen Übrigen verabschiedet hatte, rückte er dicht an mein Bett und zeigte mir meinen vor Weihnachten geschriebenen Zettel. »Ein guter Wunsch Ferdi. Ein sehr guter Wunsch«, flüsterte er mir zu und blinzelte. Er nannte mich nicht Ferdinand. »Ich erfülle ihn dir.«
Etwas unsicher schielte ich auf das Papier mit den drei eng beschriebenen Zeilen. »Hallo, mein Name ist Ferdi. Ich habe Krebs und sterbe bald. Ich möchte so gern die Welt sehen und erwachsen werden.«
Albern, ich weiß. Allerdings hatte ich das nicht wirklich ernst gemeint. Und zu glauben, dass er meinen Wunsch tatsächlich »erfüllen« konnte … nein, so naiv war ich nicht. Ich dachte, er wollte mich aufmuntern. Nichts weiter. Okay, ein winziger Teil von mir hoffte, er besäße richtige Zauberkräfte. Aber hey, ich war elf … und am Ende besaß er ja welche.
Fünf Monate später zog es mich aus meinem Körper und ich sah, wie der Mann meinen Brief in eine Glasflasche steckte, den Hals verkorkte und sie in die Nordsee warf. Dabei zwinkerte er mir verschwörerisch zu, obwohl ich als Geist nicht einmal einen Schatten trage.
Und da bin ich. In den vergangenen Jahren habe ich zahlreiche Länder und Kontinente gesehen, Flüsse und Meere, Berge und Inseln. England, Irland, Kanada, New York, Miami, die Bahamas, Kuba, Venezuela, Brasilien, Argentinien, Südafrika, Madagaskar. Im Augenblick hänge ich in einem Netz auf einem indischen Fischerboot. Übermorgen ist mein 18.Geburtstag. Ich weiß nicht, ob man das »erwachsen werden« nennen kann. Für meine Verhältnisse wohl schon. Ich weiß auch nicht, ob ich mich an diesem Datum auflöse. Es spielt keine Rolle.
Ich heiße Ferdi. Ich bin ein Flaschengeist und dankbar für dieses einzigartige Geschenk. 

 

Daniela Herbst 11/02/2015 No Comments

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