Was wir lieben

Sie streichelte dem blonden Mädchen sanft übers Haar. Es zitterte am ganzen Körper und würgte an dem Stoffknebel, der ihm zwischen den Zähnen steckte. Wie alt die Kleine wohl sein mochte? Sechs? Acht? Als kinderlosem Single fehlte ihr da der mütterliche Blick.
Im Grunde war es ihr auch völlig egal.
Nicht, dass sie prinzipiell etwas gegen Kinder hatte. Solange ihr niemand einen Spielplatz direkt vor die Nase setzte oder die Gören unter ihrem Balkon Schreiwettbewerbe abhielten, war sie in dem Punkt sogar recht tolerant.
»Bitte. Tun Sie meiner Hanna nichts.«
Zufrieden registrierte sie die Angst in der Stimme des Vaters. Seine Augen zuckten wild umher, als suche er nach unerwarteter Hilfe. Er zitterte wie seine Tochter am ganzen Körper und war den Tränen nahe. Ein merkwürdiges Bild, da der Mann sonst eher kühl und souverän wirkte.
Das kleine Mädchen stemmte sich in die Fesseln.
Sie verpasste ihr einen leichten Schlag auf den Hinterkopf. Mit gedrosselter Kraft, aber entschlossen genug, damit sie wieder brav still hielt auf ihrem Stuhl. 

 

»Was wollen Sie? Geld? Wir können sofort zur Bank fahren und welches abheben. Sagen Sie mir wie viel.«
Sie schüttelte träge den Kopf.
»Mein Auto? Mein Haus? Es gehört Ihnen. Lassen Sie nur meine Tochter gehen.«
»Ich will, dass Sie nachdenken.« Sie holte tief Luft und straffte die Schultern. »Wissen Sie noch, was Sie am vergangenen Dienstag um 8 Uhr 27 gemacht haben?«
Man konnte die Verblüffung auf seinem Gesicht ablesen.
Und dass er keine Ahnung hatte.
Er erinnerte sich nicht. Nicht einmal annähernd. Das hieß, sie musste ihm wohl oder übel auf die Sprünge helfen. Sie seufzte und presste die Lippen fest aufeinander. Sie hatte gehofft, sich diesen Teil ersparen zu können.
»In Ordnung«, begann sie im Ton einer Grundschullehrerin. »Versuchen wir den Tag systematisch zu rekonstruieren.«
»Ich weiß wirklich nicht, was das bringen soll. Ich …«
»Das war keine Bitte!«, unterbrach sie ihn harsch.
Er schluckte hart.
Sie atmete tief durch.
»Also, Sie sind aufgestanden, haben sich Zähne geputzt, geduscht – das hoffe ich zumindest – und dann die Treppe runtergegangen«, verfiel sie wieder in den vorherigen Singsang. »Wie ging es weiter?«

 

Einen Moment schwieg er trotzig. Vielleicht weil er es nicht gewohnt war, von einer Frau Befehle entgegenzunehmen. Doch sie brauchte bloß einmal kurz am Haar seiner Kleinen zu reißen, dass sie aufkreischte, und schon gehorchte er wie ein braves Hündchen.
»Okay, okay … in Ordnung.« Er breitete beschwichtigend die Hände aus. »Ich habe mit meinem Büro telefoniert und nebenbei eine Tasse Kaffee getrunken. Fünf Minuten. Zehn höchstens.«
Sie nickte zufrieden und streichelte dem Mädchen über den Kopf. Ein mehr als deutliches Zeichen an den Vater.
»Dann gab ich meiner Frau und meiner Tochter einen Abschiedskuss. Das Handy hat wieder geklingelt und ich bin zum Auto gelaufen.«
»Gut so. Nicht aufhören.«
»Ich rollte rückwärts aus der Einfahrt. Auf halber Strecke fiel das Telefon in den Fußraum. Ich musste mich danach bücken.«
»Ja?«, forderte sie ihn zum Weiterreden auf.
»Ich fuhr ins Büro und …«
»Nein!«, schnitt sie ihm das Wort ab.
Wie vom Donner gerührt starrte er sie an.
In seinen Augen blitzte erst Wut auf, dann Unverständnis und am Ende Furcht. Sie konnte es hinter seiner Fassade aufkeimen sehen. Das unbestimmte Gefühl, das einen beschleicht, wenn man nicht sicher ist, ob der andere einen durchschaut hat oder nur blufft.

 

»Ich weiß es«, klärte sie ihn auf.
Er schwieg.
Das kleine Mädchen unter ihrer Hand verkrampfte.
»Und Sie besaßen nicht einmal den Anstand, es mir von Angesicht zu Angesicht zu sagen. Ich habe es von Ihrer Nachbarin erfahren. Sonst würde ich wahrscheinlich heute noch jeden Stein umdrehen und nach ihm suchen.«
Was auch immer er gefühlt hatte, die Furcht verschwand und alles verwandelte sich zurück in Wut. Er trat einen Schritt auf sie zu und streckte die Rechte nach seiner Tochter aus.
»Stopp!«, zischte sie und hielt dem Kind das Messer an die Kehle.
»Hören Sie endlich auf! Sie sind ja wahnsinnig!«
»Sie haben meinen Henry überfahren!«
»Nicht mit Absicht.«
»Aber er ist tot.« Eine Träne rann ihre Nase entlang. »Mörder! Feigling!«
»Verdammt, das war doch nur eine dämliche Katze!«
Die Worte trafen sie wie ein Faustschlag.
Sie begann, am ganzen Körper zu zittern.
»Ich habe ihn geliebt wie ein Kind«, sagte sie beinahe tonlos. »So wie Sie Ihre Tochter.«
Etwas hinter seiner Stirn rastete ein; und er riss die Augen auf.

  

Daniela Herbst 20/12/2014 No Comments

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