Von Müttern und Vätern

Er lehnte sich in seinem Sitz zurück und beobachtete das rege Treiben auf der anderen Straßenseite. Der gepflasterte Platz vor der Grundschule glich einem bunt gesprenkelten Ameisenhaufen. Kleine Menschen in ihren Windjacken. Große Menschen, die sie langsam einsammelten als wären sie durch die Gegend laufendes Obst, das man ernten musste.
Es nieselte leicht. Der Tag der eigentlich mit viel Sonne begonnen hatte, dümpelte in einen grauen Mittwoch. Den Kindern schien das wenig auszumachen. Sie hüpften lachend die Rasenfläche zu beiden Seiten des Gebäudes entlang oder spazierten an der Hand ihrer Eltern zu den säuberlich am Bordstein aufgereihten Autos. Die Erwachsenen für ihren Teil klappten mit genervtem Gesichtsausdruck die Krägen hoch.
Das Geplapper der Menge konnte er aus dieser Distanz nicht wirklich verstehen. Doch vermutlich handelte es sich um das übliche »Was hast du heute gelernt?« und »War es schön?« gefolgt von dümmlich naiven Antworten ohne tiefere Bedeutung. Vielleicht wurde zwischendurch auch über das Mittagessen oder den Haushamster gesprochen.
Er mochte Kinder nicht besonders. Und Eltern mochte er in der Regel gar nicht.
Seltsam, dass beide zu einem Großteil seinen Alltag bestimmten. Seit mehreren Jahren und fast rund um die Uhr.


Hinten beim Eingang erspähte er endlich den Jungen. Seine kurzen, blonden Haare waren völlig verstrubbelt und der Ranzen hing ihm schräg auf der Schulter. Er zappelte ungeduldig, während die Lehrerin versuchte, ihm die Jacke zu schließen.
Brian. So hieß der Kleine. Sieben und ein ziemlicher Wirbelwind.
Konzentriert schaute er auf seine Armbanduhr.
Wenn alles lief wie immer, verschwand die Lehrerin gleich nach drinnen und Brian stand ab da ungefähr zwei bis vier Minuten alleine dort bei den Treppen. Dann müsste sein Vater auftauchen. An Freitagen verspätete er sich manchmal, was ihm im Fall der Fälle drei weitere kostbare Minuten verschaffte. Allerdings wollte er es nicht darauf ankommen lassen.
Ja … alles wie immer. Er kritzelte eine Notiz in seinen Block.
Übermorgen würde er es tun. Das schien ihm die richtige Zeit zu sein.
Mit einem Auge schielte er in den abgedunkelten Rückraum des Wagens. Die Wolldecken lagen bereits auf der Bank. Wenn es soweit war, brauchte er nur noch den Kindersitz befestigen und den Rucksack einladen. Sein Kopf war eine menschliche Stoppuhr. Er hatte den Ablauf hundertmal durchgespielt. Ihn minutiös geplant. Kein Problem. Er hatte die Sache im Griff. Und falls der Junge wider Erwarten Schwierigkeiten machte, sollten ihn ein paar in Fruchtsaft aufgelöste Tabletten ruhigstellen.

 

Derweil er die Handbremse löste und aus der Parklücke scherte, betete er sich erneut Punkt für Punkt die Entführung bis ins winzigste Detail vor. Am Freitag durfte nichts schiefgehen. Das musste klappen wie am Schnürchen; eine zweite Chance würde er nicht kriegen.
Die Schule und die letzten Eltern zogen am Fenster vorbei. Das Bild hinterließ kaum bleibenden Eindruck; höchstens ein unangenehmes Rumoren im Magen. Er schüttelte das Unbehagen ab – und nicht zum ersten Mal in seinem Leben war er heilfroh, selbst keine Kinder zu haben. Jedenfalls keine, von denen er wusste.
Schrecklich, diese Sorgen und Ängste. Das sollte sich niemand freiwillig antun. Und wer konnte das besser beurteilen als er?! Schließlich lungerte er seit Tagen hier herum und dieser Vater da draußen ahnte nicht ansatzweise, dass er ihn beobachtete. Geschweige denn, dass er durch ihn bald seinen Sohn verlieren würde.
Seufzend bog er in die Auffahrt.
Den Anruf bei Brians Mutter verschob er auf den Abend. Er wollte erst duschen und eine Kleinigkeit essen. Vom Vater entführt, von der Mutter rückentführt … Diese Welt war tatsächlich verrückt geworden. Aber er verdiente gutes Geld damit. Es stand ihm daher nicht zu, über die neumoderne Auffassung von Ehe und Familie zu richten. Nicht wenn er täglich davon profitierte.

 

Daniela Herbst 21/03/2014 2 Comments

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