Von Monstern

Schmerzen peinigten in Wellen seinen Körper. Er schmeckte salziges Kupfer auf der Zunge und hörte sein Herz mit dem Donner um die Wette trommeln. Gewitterlärm. Explodierende Adern. Wolkenbruch. Tosender Puls. Zitternd starrte er in den diesigen Himmel und versuchte, sich zu orientieren.
Es gelang ihm nicht. Grelle Blitze flammten hier und da wie ein höllisches blaues Feuer hinter seiner Netzhaut auf und beleuchteten sporadisch die Nacht; ansonsten konnte er kaum etwas sehen. Alles versank in Unwirklichkeit – was jedoch nicht allein an dem schalen Zwielicht um ihn herum lag. Schweiß und geronnenes Blut taten ihr Übriges, ihn wie einen verirrten Wurm durchs Geäst kriechen zu lassen. Sie brannten ihm in den Augen und verwandelten die Welt in einen Schleier aus verzerrten Umrissen, angefüllt mit Myriaden bedrohlicher Geräusche.
Eisern schleppte er sich über den Boden. Spürte bei jedem Zentimeter, den er sich mühsam vorwärts schob, das Aufplatzen seiner Haut und das Brechen von Knochen. Hörte das klägliche Wimmern, das sich aus seiner Kehle stahl, und schluckte hart gegen die aufsteigende Übelkeit an.

 

»Was geschieht mit mir?« Die Frage hallte in seinem Kopf, wenngleich er nicht zu sagen vermochte, ob er sie geschrien, geflüstert oder gedacht hatte. »Was tust du mir an?« Ohne es zu merken, liefen ihm Tränen die Wangen entlang und zeichneten weiße Linien in sein dreckverkrustetes Gesicht.
Sogar seine Gedanken und Empfindungen gestalteten sich jetzt anders. Sie veränderten sich. Mutierten auf dieselbe unheilige und verdorbene Weise wie der Rest von ihm.
Zögernd betastete er seine Seite und zuckte unwillkürlich zurück, als seine Finger die seltsame Substanz berührten, die sich um seine Brust spannte. Sie schmiegte sich klebrig dünn an seine Muskeln und betonte mit schrecklicher Klarheit die Ausbeulungen darunter. Er stöhnte und presste die Lider in einem Ansturm von Abscheu zusammen.
Früher oder später würde er sich damit auseinandersetzen müssen, aber im Moment wagte er nicht, hinzusehen und sich dem Grauen in seinem ganzen Ausmaß zu stellen. Es kostete ihn schon mehr Überwindung als gedacht, seine Hand erneut auf Wanderschaft über das Schlachtfeld zu zwingen.
Hand? Das Wort erschien ihm seltsam falsch. Körper? Er keuchte. Seine Gliedmaßen hatten sich verformt, das erkannte er auch blind. Genau genommen taten sie es noch. Sein gesamtes Fleisch waberte und pulsierte in seiner Umbildung. Seine Muskeln streckten und dehnten ihn. Töteten und erschufen ihn neu. Spielten auf derart perverse Art mit sämtlichen Molekülen, dass es ihm fast spürbare Qualen bereitete, mit der Erforschung seines Selbst fortzufahren.
»Nicht ich …«, angewidert glitt er über den grotesk in die Länge gezogenen Torso und folgte der Linie pelzigen Haares bis hinauf zum Fellschopf seines Schädels. »Nicht ich …« Seine Zunge streifte zwei Reihen Zähne, die ihm fremd waren und ihn erschreckten.
Blitze zerfetzten den Himmel.
»Was geschieht mit mir?« Wieder hallte die Frage durch seinen Kopf; nur diesmal bestand kein Zweifel daran, dass er sie schrie.
Er brüllte sie hinaus, bis der Druck sämtliche Luft aus seinen Lungen gepresst hatte und seine Trommelfelle kurz vor dem Zerreißen standen. Er plärrte aus Leibeskräften und sein Schrei mischte sich mit dem Grollen des Donners. Zerfloss mit der Explosion seines Schmerzes und hüllte ihn in gnädige Ohnmacht.
Schwärze. 

 

Als er erwachte, begrüßte ihn die dumpfe Kühle der Nacht. Ein fast perfekter Vollmond schien auf ihn herunter und seine Folter hatte einer leichten Erschöpfung Platz gemacht. Benommen, aber wesentlich kräftiger als zuvor, stemmte er sich auf die Knie, streckte die Beine durch und wuchtete sich mit zwei, drei wackeligen Bewegungen in die Höhe.
Der Schmerz war vorüber. Seine Muskeln schwiegen. Sein Körper hatte offenbar das Ziel der verdammten Metamorphose erreicht. Blinzelnd drehte er den Kopf, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen.

Rosa bräunliche Haut wickelte ihn eng ein und weiches Fleisch zuckte leicht unter aufgestellten Haaren. Ungläubig streifte sein Blick den dürren Arm, der nutzlos an seiner Hüfte baumelte und dann den Zweiten auf der gegenüberliegenden Seite. Diese Dinger konnten unmöglich zu ihm gehören.
»Nein …«, hektisch betastete er sein Gesicht und gab ein greinendes Schluchzen von sich, als seine Finger den knorpeligen Ausläufer einer Nase und die sachten Rundungen von Augäpfeln erfassten. Ohrmuscheln, Brauen, eine glatte Stirn und spröde Lippen, die sich seiner Berührung öffneten. »Nein! Wie konntest du mir das antun?«
»Widerlich, oder?«
Mit einem Ruck wandte er sich um.
Keine drei Schritte entfernt stand ein Mann und lächelte ihn mitleidig an.
Ein Knurren glitt über seinen Mund.
»Nicht doch! Ich komme in Frieden, Bruder. Ich …« Weiter kam sein ungebetener Beobachter nicht. Von unbändigem Hass gepackt preschte er los und stürzte sich heulend auf den Unbekannten. Speichel troff ihm vom Kinn. Seine Kiefer klappten auseinander und zusammen, seine stumpfen Zähne knirschten und er schmeckte fast schon des Fremden Fleisch auf seiner Zunge.
Da traf ihn ein Faustschlag und streckte ihn nieder.
Überrascht heulte er auf.
»Lass es. Du beleidigst uns beide«, zischte der andere und warf ihm eine Decke hin.

 

Er leckte sich die aufgeplatzte Lippe und betrachtete den groben Baumwollstoff; unschlüssig, was er damit anfangen sollte.
»Du bist nackt und du frierst, Bruder.« Der Mann grinste und bedeutete ihm in einer anschaulichen Geste, die Decke um seine Schultern zu schlingen. »Und es wird nicht bei dieser einen demütigenden Erfahrung bleiben.«
Es folgte eine Pause, in der sich beide aufmerksam taxierten.
»Ich bin Marius. Dich werden wir Silva nennen – nach dem Wald, in dem wir dich gefunden haben.«
»Wir?«
»Oh ja, du bist nicht der Einzige.« Zwei vom Wahnsinn gezeichnete Pupillen funkelten ihn an, ehe sie zum Rand der Bäume schossen und weitere sechs Gestalten offenbarten, die schwankend auf sie zukamen. »Wir alle waren früher Dämonen. Bevor wir seinen Zorn auf uns gezogen haben. Bevor uns der Fürst des flammenden Throns verbannt – und uns in Menschen verwandelt hat!«
Er, der nun wohl Silva genannt wurde, schüttelte verstört den Kopf.
»Glaub es ruhig. Du wurdest zu einem Erdenwurm degradiert. Mit einem simplen Fingerschnippen.«
Neuerliches Kopfschütteln.
»Was? Denkst du, dazu wäre er nicht fähig?« Marius lachte ein irres Lachen. »Er ist von Himmel bis Hölle ja auch für seine tolerante Art bekannt!« Ein verständnisvollerer Ausdruck lockerte sein Gesicht. »Du bist ab sofort ein Mensch und wirst es auch bleiben.«
»Für immer?«
Marius nickte. »Vermutlich.«
»Dann töte mich.«
»Später vielleicht.« Er packte ihn bei den Armen und half ihm hoch. »Am Anfang ist es hart, aber manche von uns haben mit der Zeit Gefallen an unserer Strafe gefunden.«
»Ich …«
»Zugegeben man muss sich erst an die schwächliche Hülle gewöhnen, aber hat man die erst akzeptiert … Ich sage dir, der menschliche Verstand und seine kranke Fantasie vollbringen Grausamkeiten, dagegen waren wir Waisenknaben.«
»Das glaube ich nicht.«
»Du wirst es sehen.« Marius gluckste. Die sechs anderen Gestalten hatten mittlerweile zu ihnen ausgeschlossen und begrüßten Silva stumm in ihrer Gemeinschaft. »Und jetzt lass uns Jungfrauen schänden und ein paar Häuser niederbrennen.«

 

Daniela Herbst 06/03/2014 No Comments

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