Von Mondkindern und Blutsaugern

Dieses Verhältnis ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Wie ich aus zahlreichen Büchern und Filmen herauslesen konnte, geht ihr Menschen standhaft davon aus, dass zwischen Vampiren und Werwölfen eine generationenübergreifende Feindschaft besteht.
Das möchte ich so nicht unterschreiben. Unsere Weltanschauungen klaffen gelinde gesagt weit auseinander und wir heißen nicht immer gut, was das jeweilige Gegenlager veranstaltet, aber Feindschaft würde ich das nicht nennen. Es gab manche Auseinandersetzung und um 1187 einen mittelschweren Krieg, das will ich zugeben. Trotzdem haben wir uns über die Jahrhunderte zusammengerauft und uns auf einen stillschweigenden Nichtangriffspakt geeinigt. 

 

Werwölfe sind eigentlich keine üblen Zeitgenossen. Zeitweilig lebte ich sogar mit einem in einer Art Wohngemeinschaft. War ganz amüsant; vorausgesetzt man erträgt den ewigen Geruch nach nassem Hund. Und die Tischmanieren lassen auch zu wünschen übrig. In seiner menschlichen Gestalt wusste Pjetr durchaus mit Messer und Gabel umzugehen. Doch bei Vollmond passierte es schon mal, dass ich nach Hause kam und ein ausgeweideter Bauarbeiter an der Wand klebte. Ich habe ja kein Problem damit, dass Werwölfe aus reinem Spaß jagen und töten – Vampire rühren sie schließlich nicht an – aber bei mir daheim sollte es nicht unbedingt wie im Keller eines durchgeknallten Metzgers aussehen. Sonst könnte ich gleich mit meinen Blutkonserven ein Graffiti sprühen.
Ich habe versucht, ihm das begreiflich zu machen, und er war meinen Argumenten gegenüber durchaus aufgeschlossen – jedenfalls beim zweiten Mal. Beim ersten Mal beging ich den Fehler, ihn in seiner haarigen Gestalt darauf anzusprechen … Im Ergebnis klebte ich eine Minute später neben den Resten des Bauarbeiters an der Wand und brauchte eine doppelte Dosis Aspirin.
Von dergleichen Anlaufschwierigkeiten abgesehen, waren wir ein tolles Team. Ich glaube er wohnt heute in München und betreibt ein florierendes Import-Export-Geschäft. Vielleicht sollte ich ihn mal wieder besuchen.

 

Ihnen würde ich allerdings von derartigen Kontakten abraten. Selbst der charmanteste Werwolf verwandelt sich bei Mondschein in eine reißende Bestie, die weder Freund noch Feind kennt. Natürlich nützt der Tipp reichlich wenig, denn bei Tageslicht gibt es keine Möglichkeit, einen Werwolf als solchen zu identifizieren. Der einzige Hinweis darauf, dass sie sich aus Versehen mit einem eingelassen haben, ist, wenn er sich die Haut vom Körper zerrt, Fell darunter zum Vorschein kommt und ihm Klauen sowie Fangzähne wachsen. Aber dann ist das Kind schon in den Brunnen gefallen …

 

 

Daniela Herbst 23/04/2015 No Comments

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