Von Leichen und Schnappschildkröten

Vom ästhetischen Standpunkt aus gab Harald Kampfer keine besonders attraktive Leiche ab. Das krankte schon an der Art seiner Körperhaltung. Er lag auf dem Rücken, die Arme angewinkelt erhoben neben seinem Kopf, als wollte er gerade in einen Pyjama schlüpfen. Seine ebenfalls abgewinkelten Beine dagegen erinnerten an einen Frosch im Sprung – halb gestreckt und in der Bewegung eingefroren. So starrte er für alle Ewigkeit konserviert die Zimmerdecke an.
Ein weiterer Aspekt, der sich negativ für ihn auswirkte, war sein Alter von zweiundsechzig Jahren. Wobei das Alter selbst grundsätzlich erst einmal nichts Hässliches mit sich brachte. Jedoch hatte bereits der lebende Harald Kampfer mit seinem grauen Fusselhaar, den tiefen Falten und den Altersflecken recht verbraucht gewirkt. Die einsetzende Verwesung verstärkte all diese Attribute noch und ließ ihn wie einen greisen Zombie aussehen.
Der aufgequollen grünliche Bauch und die langsam hervortretende Landkarte aus Venen wären natürlich bei einem jungen Menschen ebenfalls unangenehm ins Auge gestochen. Allerdings hätte ein junger Mensch dazu kaum beige Cordhosen und eine kackbraune Strickweste getragen. Die hing ihm zusammen mit seinem gestreiften Altmännerhemd unter den Achseln.
Sein Gesicht zierten violett verfärbte Lippen und ein Blick, der sich aus der Perspektive eines Außenstehenden schwer deuten ließ. Er schien mehrere Gefühlsregungen miteinander zu vereinen beziehungsweise parallel zu beherbergen. Tja, der Tod stellte eine ziemlich komplexe Sache dar.

 

Harald Kampfer gab also keine besonders attraktive Leiche ab. Was dem Eingeweihten durchaus passend vorkommen musste, da er doch auch zu seinen Lebzeiten eine hässliche Person gewesen war. Wobei es sich diesmal um eine Metapher handelt. Soll heißen, er zählte nicht gerade zu den nettesten Menschen auf diesem Planeten. Ganz und gar nicht. Nein. Gleichwohl solten wir diese Aussage etwas einschränken, immerhin lastete ihm kein (strafrechtlich anerkanntes) Kapitalverbrechen auf den Schultern. Er war kein (ausgesprochener) Sadist und hegte keine (extrem) abartigen Fantasien.
Drücken wir es am besten so aus: Würden Ivan der Schreckliche, Hitler, Doktor Frankenstein und Harald Kampfer gemeinsam Kaffee trinken, bekäme Letzterer moralische Bonuspunkte, wäre indes garantiert nicht der Beliebteste im Raum.
An dieser Stelle könnte man nun argumentieren, dass zumindest ihm selbst in seiner derzeitigen Situation beides reichlich egal sein dürfte. Außer er hätte vor seinem Ableben an Karma geglaubt und müsste jetzt befürchten, als Schnappschildkröte wiedergeboren zu werden. Aber selbstredend hatte Harald Kampfer nie an Karma geglaubt – das taten unsympathische Misanthropen nie. Eine Feststellung, aus der man nicht den Umkehrschluss ziehen sollte.
Nichtsdestotrotz wäre er bei seinem eigenen Anblick bestimmt schockiert gewesen. Denn wer ihn näher gekannt hatte, wusste, welch eitler Kern eigentlich in seiner vernachlässigten Hülle steckte. Wobei wohl selbst gänzlich uneitle Menschen ihrer Nachwelt nicht als aufgedunsener Zombie in Erinnerung bleiben wollten.
Viele Konjunktive. Viele Spekulationen. Im Übrigen kannte ihn niemand näher, weshalb dieser Gedankengang letztlich müßig ist. Er lebte allein; ohne Familie, Freunde, Bekannte oder ein Haustier. Zur Arbeit ging er schon seit Monaten nicht mehr. Er bezog eine Erwerbsminderungsrente und seine ehemaligen Kollegen hatten ihn längst aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Seine Einkäufe erledigte er effizient – frei von irgendwelchen Ritualen und unter Vermeidung sämtlicher über das unbedingt nötige Maß hinausreichender Interaktionen. Manchmal sparte er sich sogar die.

 

Das erklärt vermutlich so einiges. Allem anderen voran erklärt es zum Beispiel, warum Harald Kampfer erst drei Tage nach seinem Ableben gefunden wurde. Nicht von einem Freund oder Verwandten, sondern von Hamid Samadi, seines Zeichens Kurierfahrer bei Hermes. Er war es, der die Leiche entdeckte und das auch nur durch Zufall, weil die Nachbarin nicht zuhause und die Wohnungstür bloß angelehnt war. Darüber, dass keiner den seltsamen Geruch bemerkt hatte, ließe sich ausführlich diskutieren, aber das interessierte niemanden.
Sie holten ihn ab.
Sie schlossen die Tür.
Man nahm seinen Tod zur Kenntnis.
Das Leben ging weiter.
Morgen ist die Beerdigung. Bislang hat sich noch kein Mensch nach Harald Kampfer erkundigt oder sich um seine Angelegenheiten gekümmert. Das dürfte eine einsame Veranstaltung für den Pfarrer werden.

 

Daniela Herbst 14/09/2017 No Comments

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