Vioklara Gihamu Trotutri

Vor vielen Jahren gab es in einer abgelegenen Gegend Bayerns ein kleines Dorf, dessen Name längst von der Geschichte geschluckt wurde. Rund vierhundert Menschen lebten dort, die ebenfalls seit mehr als einer Generation vergessen sind. Keine Helden. Keine Schurken. Keine Erfinder, Literaten, Musiker, Pioniere oder sonst irgendwie gedenkwürdige Persönlichkeiten.
Macht ja nichts. Grau ist schließlich auch eine Farbe.
Allerdings muss man einen Bewohner aus der Liste der NotenschlüsselUnbedeutsamkeit herausnehmen: Joseph Helmbichl. Obwohl vermutlich kaum jemand Joseph Helmbichl kennen wird, so war er zumindest für seine Zeit etwas Besonderes. Ein Querdenker und Freigeist. Ein Künstler und Schaffender. Ein Meister seines ganz eigenen Faches.


Zu ebendieser kurz währenden Berühmtheit kam der gute Mann durch zwei Begebenheiten. Zum einen hat er an einem regnerischen Donnerstag im April angeblich drei Katzen auf einmal von einem Zwetschgenbaum gerettet. Zum anderen wird erzählt, er habe das/die Vioklara Gihamu Trotutri entworfen und gebaut.
Wobei die Wenigsten wissen dürften, worum es sich bei einem/einer Vioklara Gihamu Trotutri handelt.
Spielt auch keine tragende Rolle. Denn von Bedeutung war nie die Apparatur selbst, sondern lediglich Joseph Helmbichls kreativer Funke. Der Akt, sie aus seinen Gedanken auf Papier zu bannen und schließlich in natura entstehen zu lassen.
Die Idee übertrumpfte sozusagen das Werk.

 

Eines Tages also wurde der Bayer Joseph Helmbichl von der Inspiration geküsst – und das Ergebnis hatte nichts mit seiner eigentlichen Tätigkeit als Tischler zu tun. Selbige erleichterte ihm bloß die Konstruktion. Worin die ausgefallene Sache bestand? Tja, er wollte ein neues Musikinstrument erschaffen.
Sieben Wochen lang zeichnete er deshalb Skizzen, schmiedete Pläne, verwarf Pläne, las Bücher und klapperte die Märkte nach gebrauchten Instrumenten ab. Am Ende der siebten Woche sperrte er sich in seiner Scheune ein und ward für achtundvierzig Stunden nicht mehr gesehen. Lediglich ein Hämmern und Sägen, ein Klopfen und Fluchen hörte man.
Als Joseph Helmbichl kurz darauf die Enthüllung einer großen Sensation ankündigte, waren natürlich alle aufs Äußerste gespannt. Die Lokalzeitung brachte einen zweiseitigen Bericht. Im Wirtshaus lud man ihn an den Stammtisch ein und hinter vorgehaltener Hand flüsterten Freunde, Bekannte und Nachbarn von der geheimnisvollen Erfindung.
Kurzum, für einige Zeit herrschte reges Leben im Dorf.

 

Bald darauf war es endlich soweit; Joseph Helmbichls Werk sollte enthüllt werden. Sämtliche Menschen im Umkreis von dreißig Kilometern hatten sich auf dem Dorfplatz versammelt, um dem Spektakel beizuwohnen. In vorderster Front der Bürgermeister, der eine flammende Rede auf den Mann der Stunde hielt.
Dann trat Joseph Helmbichl an das verhüllte Ungetüm, holte tief Luft und riss mit einem einzigen Ruck den Stoff herunter.
Da stand sie … es? … das? … die? … sein(e) Vioklara Gihamu Trotutri. Eine Mischung aus Violine, Klavier, Rassel, Gitarre, Harfe, Mundharmonika, Trompete, Tuba und Triangel.
Wunderschön.
Die metallene Oberfläche glänzte in der Sonne. Silbern, golden und zusammen mit den verschiedenen Holzarten ergänzten sich sämtliche Teile zu einer riesigen Skulptur zu Ehren der Musik selbst. Ein Monument geschaffen durch Menschenhand, das Seinesgleichen suchte.
Alle rissen sie ungläubig die Augen auf, drängten sich um das außergewöhnliche Instrument. Für Stunden gab es kein anderes Gesprächsthema.

 

Genial. Einzigartig. Extraordinär. Trotzdem soll heute niemand mehr Joseph Helmbichl und sein(e) Vioklara Gihamu Trotutri kennen? Man hat beide einfach im Laufe der Zeit vergessen? Wie kann das sein?
Nun, es hat sich herausgestellt, dass eine Mischung aus Violine, Klavier, Rassel, Gitarre, Harfe, Mundharmonika, Trompete, Tuba und Triangel zwar wirklich hübsch aussieht, aber leider ganz fürchterlich klingt.
Peinliche Sache.
Ende der Geschichte.

 

Daniela Herbst 10/10/2013 No Comments

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