Verlustreiche Schlachten

Ein bisschen wackelig auf den Beinen stützte sich Resa an der Couch ab und schloss für einen Moment die Augen. Durch ihre Adern schwappten gefühlte hundert Liter Adrenalin und ihr Puls klopfte im Takt eines durchgeknallten Trommlers gegen ihre Schläfen.
»Ich habe dich etwas gefragt!« Julians Stimme bohrte sich schmerzhaft zwischen ihre Brauen. »Ja oder nein, Theresa?«
Sie sog scharf Luft ein. Warum musste er sie immer bei ihrem vollen Namen nennen, wenn sie Streit hatten? Außer ihren Eltern, den Lehrern damals und ihrem Personalausweis sparten sich alle Beteiligten normalerweise die ersten drei Buchstaben. Er wusste das und nutzte den Kniff, um mit unfairen Mitteln ihre Aufmerksamkeit zu erzwingen.
»Komm schon. Ja oder nein? So schwer kann das doch nicht sein.«
Schweigend zog sie die dünne Wolldecke enger um ihre Brust und benutzte sie als karierte römische Tunika. Modisch wohl nicht unbedingt der letzte Schrei, dafür erfüllte das verfilzte Ding seinen Zweck. Es verhüllte ihre Nacktheit und gab ihr das Gefühl ihm nicht ganz ungeschützt gegenüberzustehen.

 

Ein schiefes Grinsen kribbelte in ihrem Mundwinkel. Aber wahrscheinlich fand er sie in dem Outfit sogar besonders sexy. Schließlich hielt er ihr ständig Predigten, dass Frauen sich nicht hinter Make-up und Klamotten verstecken, sondern ihre natürliche Schönheit kultivieren sollten. Und was war natürlicher als nackt unter Wolle?
Sie seufzte stumm und wischte den Gedanken weg. Spielte es denn wirklich noch eine Rolle, ob er sie anziehend fand oder nicht? Wohl kaum. Der Zug war längst abgefahren. Sie würden heute garantiert nicht mehr miteinander schlafen; also konnte es ihr herzlich egal sein. Ganz abgesehen davon, dass ihr die Lust darauf schon vor grob einer Viertelstunde vergangen war.
Im Moment stand ihr der Sinn eher nach einem Schlabberpullover und ihrem Lesesessel im Schlafzimmer.

 

»Hast du geweint?« Julian ähnelte einem schlecht rasierten Racheengel, wie er sich da vor dem Balkon aufbaute und die Arme zu beiden Seiten ausstreckte.
Selbstgefällig und hartnäckig … Er würde es nicht auf sich beruhen lassen.
»Theresa …«
»Das bringt doch nichts«, blockte sie ab
»Hast du?«
»Was ich habe, das sind Kopfschmerzen.«
»Ich will eine Antwort.«
»Ich brauche jetzt erst mal ein Aspirin.« Sie schlurfte Richtung Badezimmer und hoffe, durch das kleine Ablenkungsmanöver aus der Schusslinie zu gelangen. »Lass uns später weiter …«
»Nein.« Unvermittelt überbrückte er die kurze Distanz zwischen ihnen, packte sie am Oberarm und zwang sie, ihn anzuschauen. »Du wirst jetzt nicht schon wieder abhauen.«
Resa zuckte erschrocken zusammen. Ihr Griff um die Wolldecke löste sich und das provisorische Kleidungsstück sackte zu Boden. Der letzte Vorhang, der fiel … Ein kühler Lufthauch streifte ihre Brüste.
»Mir brummt wirklich der Schädel …«
»Lass den Scheiß«, würgte er die Neuauflage des Stücks ab. Seine Stimme klang kalt und entgegen seiner sonst ruhigen Art gereizt.
»Julian …«
»Du wolltest gerade mit mir vögeln. So schlimm wird´s wohl nicht sein.«
Rumms. Das hatte gesessen.

»Nimm gefälligst deine Finger weg«, zischte sie.
Seine Worte waren ein Schlag in die Magengrube. Oder vielmehr ein riesiger gleißender Scheinwerfer, der ihre peinliche Situation genüsslich ausleuchtete. Denn bei aller Emanzipation – am Ende hatte es einfach etwas ungemein Beschämendes im Spitzenslip vor dem Partner zu stehen und zurückgewiesen zu werden.
»Nicht bevor du mir eine Antwort gibst.«
»Du willst es unbedingt hören, hä?«
Er nickte.

 

»Okay, nein!« Sie spuckte ihm das Wort regelrecht vor die Füße. »Nein, ich habe nicht geweint. Nein, ich bin nicht zusammengebrochen. Ich habe nichts von dem getan, was du anscheinend von mir erwartest. Zufrieden?«
Sie spürte, wie seine Hand sich lockerte.
Er wich langsam rückwärts.
Auf dem Weg sammelte er seine Kleidungstücke ein.
Ein Teil von ihr war froh, dass es endlich ausgesprochen war. Der weitaus größere Teil jedoch wusste, dass der Krater in ihrer Beziehung sich eben um mindestens einen Meter verbreitert hatte. Fünf Jahre, und nie hatte sie sich Julian fremder gefühlt als in den vergangenen Tagen und Wochen.
»Ich verstehe dich einfach nicht.« Kopfschüttelnd trat er vom Wohnzimmer in den Flur und griff sich blind seine Jacke vom Garderobenhaken. »Ist dir das wirklich so vollkommen egal?«
Sie sahen einander an.
Resas Zunge klebte am Gaumen. Kurz überlegte sie, die Decke aufzuheben, entschied sich letztendlich jedoch dagegen. Es schien ihr weniger demütigend im Slip die Stellung zu halten, als sich nach dem Stofffetzen zu bücken.
Zumal er seine Genugtuung bereits bekommen hatte. Er gewann beim Thema »Trauer um unser totes Kind«. Klar und haushoch. Schließlich hatte er geweint. Dass sie es war, die die Fehlgeburt erlitten hatte, spielte dabei keine Rolle. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass eben nicht jeder auf die gleiche Weise mit Schmerz umging.

 

Daniela Herbst 30/11/2017 No Comments

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