Vakuum

Lennard M. Horowitz war der wohl freieste Mensch auf diesem Planeten. Vermutlich war er auch einer der seltsamsten Menschen auf diesem Planeten, aber darum geht es hier nicht. An dieser Stelle soll uns lediglich sein Verhältnis zur Freiheit interessieren; und für Lennard M. Horowitz hätte man den Begriff eigentlich ganz neu erfinden müssen. Denn er füllte ihn aus wie vor ihm kein Zweiter. In übertragener, wörtlicher und absoluter Hinsicht.
Um jedoch von dieser seiner größten – und laut allgemeinem Dafürhalten einzigen – Besonderheit berichten zu können, kommt diese Geschichte nicht umhin, vom genauen Gegenteil zu erzählen. Ja, paradoxerweise widmet sie sich nicht all seiner Zeit als freiester Mensch dieses Planeten, sondern ausgerechnet dem Moment, in dem er die Freiheit aufgab.
Und das geschah an einem Mittwoch im September …

 

An jenem Tag kroch Lennard M. Horowitz um Viertel vor neun aus dem Bett, streckte sich ausgiebig und schlurfte ins Badezimmer. Die Sonne hatte ihn gefühlt eine halbe Stunde zu früh und mit einer Nuance zu hellem Licht geweckt.
Nach einem Blick auf seine Zunge wählte er die weiße Zahnpasta mit den mintgrünen Streifen für widerstandsfähigen Zahnschmelz und extra frischen Atem. Zum Putzen nahm er die dritte Zahnbürste von links; die rote mit den mittelharten Kreuzborsten. Auf eine Rasur verzichtete er zugunsten eines leichten Stoppelschattens. Bei den Haaren war er indessen in Experimentierlaune, föhnte sie zur Tolle und arbeitete einen Klecks Festiger ein.
»Perfekt«, sagte er und gab dem Horowitz im Spiegel zwei Daumen hoch.
Zwar hatte er mittlerweile einige graue Strähnen, mindestens fünfzig Kilo Übergewicht und Fältchen unter den Augen, trotzdem sah er für seine knapp dreiundvierzig subjektiv betrachtet ziemlich gut aus. Objektive Meinungen spielten ohnehin keine Rolle – zumindest nicht in dieser Woche. Schließlich hatte er am Montag die Monarchie zur herrschenden Regierungsform und sich selbst zum König erklärt.
Dieses positive Selbstwertgefühl im Gepäck wanderte er zum Kleiderschrank, machte ihn allerdings gleich wieder zu und beschloss, heute lieber nackt herumzulaufen. Die Wärme des Spätsommers lag in der Wohnung und er wollte sie direkt auf der Haut spüren. Da er gestern Nacht ähnlich gedacht hatte, trug er auch keinen Pyjama, den er erst hätte ausziehen müssen. Womit er seine Morgentoilette als erledigt erachtete.

 

Unschlüssig, ob er Cornflakes oder Dosenravioli essen sollte, stellte Lennard ein Glas Orangensaft auf den Küchentisch und schaltete die Nachrichten ein. Irgendwie gelüstete ihn eher Letzteres, obwohl gefüllte Teigtaschen in Tomatensoße zum Frühstück ziemlich pervers klangen. Andererseits verkündete der Fernseher, dass es im Rest des Landes gerade später Nachmittag geworden war. Wenn er seine persönliche Zeitrechnung für etwa eine Stunde der allgemeinen Zeitrechnung anpasste, konnte er Ravioli futtern und danach mit dem Tag fortfahren wie gehabt. Genau das würde er tun.
So saß er wenig später zufrieden mampfend in der Küche, lauschte den Nachrichten aus dem Wohnzimmer und überlegte, die Uhrzeit für sich vielleicht völlig abzuschaffen. Was durchaus keine leichte Entscheidung war. Hielt er sich nämlich an die allgemeingültige Zeit, erfüllte wenigstens die Fernsehzeitschrift wieder ihren Zweck. Veränderte er sie, wie es ihm gefiel, befreite er sich von ihren Zwängen. Umgekehrt verlor die Fernsehzeitschrift (die er wegen der Vorzüge des Bestellfernsehens zugegeben nur noch selten nutzte) ihren Sinn oder die konventionelle Tagesplanung engte ihn wieder ein. Die Konsequenzen ihrer Abschaffung waren indes kaum absehbar.
Während er diesen Gedanken sorgsam erörterte, rutschte er auf dem roten Kunstlederstuhl herum; den er von all seinen Sitzmöbeln momentan am liebsten mochte. Wobei er am allermeisten daran das Geräusch liebte, das seine nackten Pobacken beim Aufstehen verursachten.
Abschaffen oder behalten, so lautete die Frage … Hinter der linken Augenbraue brauten sich leichte Kopfschmerzen zusammen. Ihn stimmten beide Varianten nicht wirklich zufrieden. Deswegen verschob er die Entscheidung auf ein andermal. Ein Lennard M. Horowitz ließ sich nicht unter Druck setzen – schon gar nicht durch sich selbst und seine seltsamen Gedankengängen.
Beinahe trotzig schüttete er Cornflakes in eine Schale, übergoss sie mit Milch und genoss sie als Nachspeise. Dann warf er die Reste samt schmutzigem Geschirr in den Müllschacht unterhalb der Spüle und stand auf. Begleitet vom Geräusch seiner nackten Pobacken, die sich vom Kunstleder lösten.

 

Nachdem Morgenhygiene und Frühstück hinter ihm lagen, stellte sich alsbald die Frage, wie Lennard den übrigen Tag verbringen wollte. Aufgrund einer ausgeklügelten Erfindung, die er im Alter von fünfzehn Jahren hatte patentieren lassen, war er reich und nicht gezwungen, zu arbeiten. Es handelte sich um eine Art Mimik-Expander, der in Europa zwar keine Zulassung bekam, in einem Großteil Asiens und dem südlichen Teil Russlands dafür reißenden Absatz fand. Falls ihm langweilig wurde, konnte er aber jederzeit auf selbständiger Basis Aufträge übernehmen. Dank des Internets, eines äußerst leistungsfähigen Gehirns und vielschichtiger Talente.
Im Moment hatte er jedoch wenig Lust auf Arbeit. Was stand sonst zur Debatte? Faulenzen? Dazu fühlte er sich zu aktiv. Eine DVD schauen? Im Endeffekt bloß eine Variante des Faulenzens. Eine Runde Hol-das-Bällchen mit Balto spielen? Ein Blick auf die altersschwache Schildkröte erstickte die Idee im Keim.
Mitten in seine Überlegungen hinein klingelte das Telefon.
Überrascht blickte er auf die Uhr. Weder laut allgemeiner Zeitrechnung noch gemäß seiner eigenen erwartete er einen Anruf. Tatsächlich erwartete er bis Mai 2017 keinen Anruf. Wer das wohl sein mochte? Neugierig wanderte er in den Flur und schielte auf das Display. Die Nummer sagte ihm nichts. Zögerlich hob er ab.
»Horowitz.«
»Guten Tag Herr Horowitz, mein Name ist Sandra Pallinski von der Allopinion GmbH. Die Allopinion GmbH führt im Auftrag renommierter Unternehmen zertifizierte, nicht spezifizierte Statistik- und Meinungsumfragen durch. Würden sie eventuell ein paar Minuten Ihrer kostbaren Zeit erübrigen, um an unserer aktuellen Umfrage teilzunehmen?«
»Ich weiß nicht …«

 

Das wusste er wirklich nicht.
Bis er sich aber ausreichend gewundert hatte, wie viele Worte die Dame sprechen konnte, ohne Luft zu holen, waren bereits die Basisdaten Alter (Gruppe 40-50), Familienstand (ledig, Single, keine Kinder, keine lebenden Verwandten), Beruf (selbständig) und sexuelle Orientierung (unentschlossen) abgehakt.
»Darf ich fragen, welcher Religion Sie angehören?«
»Katholischer Buddhismus, glaube ich«, unsicher warf Lennard einen Blick zu dem gelben Post-it am Kühlschrank. »Ja genau. Und ab übermorgen bin ich jüdischer Quäker.«
Am anderen Ende der Leitung herrschte einige Sekunden Schweigen.
»In Ordnung.« Ein professionelles Räuspern später schien sich Sandra Pallinski wieder gefangen zu haben. »Herr Horowitz, waren Sie jemals von religiöser, politischer oder sozialer Verfolgung bedroht? Beziehungsweise wurden in der Ausübung ihrer Überzeugungen beschnitten? Sind Sie vielleicht sogar schon einmal Opfer einer physischen oder psychischen Gewalttat gewesen?«
Er überlegte.
»Zählt dazu die Abschiebung in ein Ferienlager für übergewichtige Teenager?«, »Nein.«
»Dann nicht.«
Erneut entstand eine Pause. Er hörte das Klappern einer Tastatur.
»Gut. Nur noch vier Fragen, Herr Horowitz und wir sind durch.« Ihrem Tonfall war anzumerken, dass der Satz mehr ihrer eigenen Aufmunterung dienen sollte. »Bevorzugen Sie einzeln verpackte Lebensmittel oder umweltschonende Sammelbehältnisse? Und tendieren sie eher zu Süßem oder zu Salzigem?«
»Äh, beides. Bei beidem. Gilt das als eine Frage oder zwei?«
»Als eine«, erwiderte sie leicht gereizt.
»Ah.«
»Wenn sie sich in einem Adjektiv beschreiben müssten – welches wäre das?«, fuhr sie nahtlos fort.
Lennard dachte scharf nach. Erst wollte er sexy sagen, traute sich aber am Ende doch nicht.
»Am besten ganz spontan«, riet ihm Frau Pallinski.
»Frei.«
»Und warum?«
»Nun, ich stehe jeden Morgen auf, wann ich will. Ich tue und lasse, was ich will. Ich bin gesund, habe genug Geld, keinerlei Verpflichtungen und eine in jeglicher Hinsicht flexible Lebensauffassung. Ich treffe meine eigenen Entscheidungen, fühle mich sicher und zufrieden.«
»Hm … verstehe …«, murmelte sie untermalt vom obligatorischen Klappern der Tastatur. »Vorletzte Frage: Was könnte Sie eher zu einem Kauf animieren – ein optisch ansprechender Sportwagen, ein robustes Geländefahrzeug oder ein Kombi mit erhöhter Ladekapazität?«
»Ich besitze keinen Führerschein.«
»In Ordnung.« Sie holte tief Luft. »Damit wären wir auch schon bei der letzten Frage angelangt: Wie würden Freunde oder enge Bekannte Sie charakterisieren? In einem Wort. In einem Satz.«
Er verfing sich in Schweigen.
Drauf fiel ihm jetzt wirklich nichts ein.
»Hallo?«
Er hatte keine Bekannten; weder enge noch lose.
»Haben Sie mich verstanden?«
Und schon gar keine Freunde.
»Herr Horowitz?«
Er hatte niemanden.
Betreten starrte er auf den Hörer, presste die Lippen zusammen und legte wortlos auf. Niemanden. Volle fünf Minuten stand er einfach nur da. Dann ging er zur Haustür und verließ zum ersten Mal seit neunzehn Jahren seine Wohnung.

 

Daniela Herbst 11/11/2015 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.