Unter der Baumwurzel

Der Mond war endgültig hinter schlierigen Wolken verschwunden. Nun spendete ihm nur noch die kleine elektrische Laterne Licht. Er war froh um dieses bisschen Helligkeit, machte sich aber gleichzeitig Sorgen, dass es ihn verraten könnte.
»Ich habe Angst, weiß du …«
Die Stille des Waldes antwortete und auf ganz eigene Weise beruhigte ihn das. Er griff wieder zur Schaufel, um weiter zu graben. Die Schwielen an seinen Händen brannten, trotzdem hörte er nicht auf, bis das Loch seiner Meinung groß genug war.
»Das ist gut.«
Ein trauriges Lächeln huschte über seinen Mund. Seltsam, wenn man sich im selben Atemzug stolz und schuldig fühlte. Verunsichert durch die widersprüchlichen Empfindungen in seinem Inneren konzentrierte er sich auf das Ergebnis der schweißtreibenden Arbeit: eine Armeslänge mal zwei Meter ausgehobenes Erdreich, das zu beiden Seiten sauber aufgehäufte Hügel bildete. Rund hüfttief unter einer bogenartig gewölbten Baumwurzel.
Fertig. Zeit für den nächsten Schritt.
Widerwillig wandte er sich dem verklebten Plastiksack zu, der teilnahmslos wie ein dichter dunkler Schatten neben der Grube lag.


»Ich will das nicht …«
Diesmal erhielt er den Schrei eines Käuzchens zur Antwort. Sein klagender Ruf ähnelte dem Befehlston seiner Mutter. Er kniff die Lippen zusammen und packte den Sack an den oberen zwei Ecken. Dann schleifte er ihn zum Loch. Dort lähmte ihn ein kurzes Zögern. Schließlich mahnte ihn der Kauz ein zweites Mal und er schob die Leiche in das frisch ausgehobene Grab.
Sie plumpste unsanft in die Tiefe.
»Entschuldige.«
Die Laterne flackerte, als er rückwärts stolperte und gegen die Ausrüstung stieß. Er war nahe daran, in Tränen auszubrechen. Nie zuvor hatten ihm Nacht und Dunkelheit zu schaffen gemacht; heute allerdings schienen sie ihm feindlich und kalt. Vielleicht lag es an der gespenstischen Umgebung. Oder es lag an ihm selbst.
Fröstelnd schloss er seine Jacke und packte die Schaufel.
»Tut mir leid Mama …«
Während klumpige Erde auf den Plastiksack prasselte, summte er leise ein Kinderlied. An den Titel konnte er sich nicht erinnern. Es klang leicht und fröhlich. Irgendwie falsch, wenn man seine Mutter im Wald begrub. Aber sie hatte es ihm immer vorgesungen; und es geliebt.
So wie er sie geliebt hatte.

 

Er klopfte mit beiden Händen die Erde fest. Tränen rollten ihm das Kinn herab und hinterließen einen nassen Film auf seinem Gesicht. Schmale Schneckenspuren im Schmutz. Jetzt war er wirklich allein. Sie würde nicht mit ihm nach Hause kommen.
»Ich habe gemacht, was du gesagt hast.« Ihm lief Spucke von der Unterlippe. »Niemand weiß, dass du gestorben bist. Alle denken, du liegst krank im Bett und kannst nicht laufen.« Er schluckte hart. »Die werden den Scheck weiter schicken.«
Wieder antwortete der Wald mit Stille.
»Ich vermisse dich …«
Der Kauz schrie und er nickte stumm. Zeit zu gehen.
Er stand auf, nahm die Schaufel und trottete schwerfällig zum Wagen. Er war nie der Klügste gewesen. Er war nie der beste Sohn gewesen. Er war ihr nie eine große Hilfe gewesen. Aber den letzten Wunsch seiner Mutter hatte er erfüllt. Einwandfrei. Gehorsam. Ohne zu zögern. Selbst wenn das hieß, dass er sie nach dieser Nacht niemals mehr besuchen durfte.
»Hab dich lieb.«
Eine Kusshand flog zum Grab unter der Baumwurzel, ehe er einstieg und davonfuhr. Ein schwerer Abschied. Doch so musste sie sich im Himmel zumindest nicht um ihn sorgen. Mit den monatlichen Rentenschecks konnte er sein Leben problemlos bestreiten.

 

Daniela Herbst 30/05/2014 No Comments

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