Uniform

Irgendwann und irgendwo in einer möglichen Zukunft …

»Ich weiß nicht, muss ich mich wirklich heute entscheiden?« Unschlüssig blätterte Larissa den dünnen Katalog durch.
»Du wirst nächsten Monat achtzehn, Schätzchen.«
Der Tonfall ihrer Mutter ließ wenig Spielraum für Diskussionen. Wahrscheinlich, weil sie das gesamte Kontingent an elterlicher Toleranz in den letzten Wochen aufgebraucht hatte. Trotzdem fiel es ihr schwer, die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen. Immerhin ging es hier nicht um die Frage Cornflakes oder Rührei zum Frühstück.
»Vielleicht sollte ich mir das Ganze nochmal in Ruhe überlegen.« Sie schluckte. »Es muss eine andere Möglichkeit geben.«
»Issa, wir haben das doch besprochen …«
Ehe Larissa etwas entgegnen konnte, trat der Arzt ins Wartezimmer. Er wirkte jung. Ein attraktiver Mann. Zielstrebig steuerte er auf sie zu und schüttelte ihnen freundlich lächelnd die Hand.
Das Gesicht kannte sie nur zu gut.
»Meine Damen, ich bin Doktor Morus. Ich werde Sie durch den Prozess begleiten.« In einer ausholenden Geste wies er auf den Gang. »Folgen Sie mir ins Behandlungszimmer?«

 

»Bitte nehmen Sie Platz.« Erst schob er ihrer Mutter, dann ihr den Stuhl hin. Am Ende schlüpfte er selbst hinter seinen Schreibtisch.
Sie blickte sich um.
In den weiß gestrichenen vier Wänden roch es steril. Links hing eine Reproduktion von Monets Seerosen, mittig ein Bild von Gustav Klimt und rechts Guernica. Den Untersuchungstrakt trennte ein großer Paravent ab, der den Patienten wohl ein bisschen Privatsphäre bieten sollte. Ziemlich albern fand Larissa; zogen sich doch früher oder später alle bis auf die Unterwäsche aus. Frauen in der Regel bis auf den Schlüpfer.
»Haben Sie sich schon für eine Variante entschieden?« Doktor Morus deutete auf den zusammengerollten Katalog in ihren Händen.
Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie das Ding die ganze Zeit über umklammert gehalten hatte. Zögernd löste sie den Griff und entspannte die Muskeln. Ihre Handflächen waren völlig verschwitzt. 
»Falls sie unschlüssig sind, können wir gerne eine Computersimulation starten, um ihre Favoriten miteinander zu vergleichen.« Er nickte verständig. »Ist schließlich eine wichtige Wahl, die sie da treffen. Sie sollten nichts überstürzen.«
»Ich …«
Ein scharfer Seitenblick ihrer Mutter ließ jeden Einwand ersterben.
»Ich dachte an Emily 17-3«, sagte Larissa und legte den Katalog auf den Tisch.

 

»Klassisch feine Gesichtszüge und ein sportlicher Körperbau. Müsste bei ihren Anlagen komplikationslos möglich sein.« Der Arzt nickte erneut und erhob sich. »Wenn Sie sich dann bitte freimachen würden …«
Mit einem Kloß im Hals schlich sie hinter den Paravent.
Diesen Tag fürchtete sie seit Jahren. Doch bis jetzt hatte sie sich ständig selbst damit Mut gemacht, am Ende bestimmt eine Lösung zu finden. Ein Schlupfloch. Den Ausweg, den Lea damals nicht gefunden hatte.
Ihr Nacken kribbelte.
Fünf Monate war sie nun fort. Ihre beste Freundin.
Sie hatte sich geweigert, die Prozedur über sich ergehen zu lassen. Dafür wurde sie aus der höheren Gesellschaft verstoßen. Was immer das bedeuten mochte. Man sah die Ausgestoßenen einfach nie wieder.
»Alles in Ordnung, Schätzchen? Soll ich zu dir kommen?«
»Nein.« Larissa fuhr zusammen. »Danke. Ich bin gleich fertig.«
Hektisch streifte sie Bluse und Rock ab, warf beides auf den Hocker, öffnete ihren BH und atmete tief ein. Scheiße, wie konnte man sie vor eine solche Wahl stellen?! Das war nicht fair. Zitternd entledigte sie sich auch des Büstenhalters und trat hinter dem Paravent hervor.


»Darf ich Sie mal im Profil sehen?« Doktor Morus drehte ihr Gesicht zur Seite. »Hm. Ja. Das Kinn passt einwandfrei. Die Nase müssten wir im Mittelstück begradigen und die Lippen minimal aufspritzen. Keine komplizierte Sache.«
Sie schloss die Augen und versuchte, sich weniger nackt zu fühlen, während seine kalten Hände ihren Körper betasteten.
»Die Brüste werden wir durch Biogel-Einlagen auf ein C-Cup vergrößern. Hier und hier ein bisschen Fett absaugen. Fertig. Emily 17-3 ist wirklich perfekt für Sie geeignet.« Er berührte ihre Schulter. »Gut. In sechs Wochen hätte ich einen OP-Termin frei. Ich plane Sie ein.«
Larissa war unfähig, sich zu bewegen.
»Sie dürfen sich wieder anziehen.« Nachsichtig schob er sie ein Stück Richtung Paravent. Bis er bemerkte, wohin ihr Blick ging. »Ach. Das hatte ich völlig vergessen. Meine neue Sprechstundenhilfe … Sie hat ebenfalls Modell Emily 17-3 gewählt. Ich selbst habe sie den Parametern entsprechend operiert. Allerdings musste man bei ihr zusätzlich das Kinn aufpolstern.«
Die Frau lächelte sie unverbindlich an.
Dasselbe Gesicht wie ihre Biolehrerin. Dasselbe Gesicht wie die Sprecherin in den Abendnachrichten. Dasselbe Gesicht wie mindestens achtundzwanzig weitere Menschen, denen sie im Laufe ihres Lebens begegnet war. Hundertsiebzehn, wenn man die Varianten Emily 17-1, Emily 17-2 und Emily 17-4 mit einbezog.
Alle eins zu eins wie im Katalog. Alle hübsch und makellos – »damit niemandem eine mangelnde Optik im Wege stehen mag. Zur Optimierung einer leistungsbezogenen Gesellschaft, die sich so auf ihre inneren Werte konzentrieren kann.«
Im Geiste stöhnte Larissa auf. Klang logisch und ideologisch. Doch, dass die Individualität dabei auf der Strecke blieb, schien keinen zu kümmern. Die Freiheit. Die Menschlichkeit und ihr Recht auf Unvollkommenheit.
Sechs Wochen, dann war sie eine von ihnen.

 

Daniela Herbst 07/01/2014 No Comments

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