Ungleichgewicht

Haben Sie sich eigentlich schon einmal gefragt, was passiert, wenn man das empfindliche Gleichgewicht des Universums stört? Und damit meine ich nicht das Schmeißen einer Atombombe in Nachbars Garten oder die Zerstörung der Ozonschicht durch kollektives Kuhfurzen. Ich spreche von den kleinen, feinen Zahnrädchen, die scheinbar ohne jegliches Zutun von außen ineinandergreifen und die Welt beständig am Laufen halten.
Nein? Wirklich noch nie? Also ich habe mich das in den letzten Wochen sehr häufig gefragt. Aus keinem bestimmten Grund, wie ich einräumen muss. Mein Leben ist zwar wenig prickelnd, aber alles in allem ganz in Ordnung. Ich schätze, solche Gedanken kommen einem manchmal einfach. Mir jedenfalls kamen sie. Irgendwann setzten sie mir so zu, dass ich einen Schritt weiterging, als sie bloß zu denken. Ich nahm mir eines dieser Zahnrädchen, drehte es zwischen meinen Fingern und ließ es auf den Boden plumpsen.

 

Hm, Metaphern sind nicht meine Stärke, stelle ich gerade fest. Was ich sagen wollte – ich belastete mich nicht länger mit unnützen Fragen, sondern störte das Gleichgewicht, um eine Antwort zu erhalten. Und das tat ich in Form eines Experiments. Ich nenne es mal »Typische Situation an der Supermarktkasse«. Der grundsätzliche Aufbau ist denkbar simpel: Du knallst gefühlte tausend Artikel aufs Band, die Kassiererin (kein Sexismus, lediglich Statistik) schiebt sie im Akkord über den Scanner, du kommst kaum mit wegpacken hinterher und bereits beim vorletzten Kirschjogurt sieht sie dich missbilligend an, weil du den Geldbeutel noch nicht gezückt hast.
Mich interessierte nun, was bei einem Ausstieg aus diesem Mechanismus passieren würde. Was würde geschehen, wenn ich aufhörte, meine Sachen wie ein hyperaktiver Oktopus in den Einkaufswagen zu schmeißen?
Meiner Theorie gemäß gab es drei mögliche Szenarien: In Variante eins machte die Kassiererin munter weiter, wodurch meine Einkäufe früher oder später über die Klippe stürzten. In Variante zwei stoppte sie das Band und wartete, bis ich den Rückstand aufgeholt hatte. Diese schien mir insgesamt die Unwahrscheinlichste zu sein. In Variante drei täte sich schließlich ein Spalt im Raum-Zeit-Kontinuum auf, der unsere bekannte Realität für immer veränderte.
Ich hielt gespannt den Atem an …

 

»Waren Sie mit Ihrem Einkauf zufrieden?«, leierte die Dame mit dem unmotivierten Gesichtsausdruck ihren Text herunter und stierte glattweg durch mich hindurch.
»Hm«, brummte ich nur und blieb ihr die Antwort schuldig.
Schon tanzten meine Äpfel auf dem Band. Braeburn süß-säuerlich. Dann tuckerten ein paar eingelegte Essiggürkchen im Glas vorüber, von hinten schob sich eine Stange Toastbrot heran, dem dicht auf ein Viererpack Küchenkrepp folgte. Langsam wurde es eng im Kassenbereich. Doch ich rührte keinen Finger. Meine Wenigkeit stand zur Salzsäule erstarrt da und wartete ab. Ich hörte das Gemurre aus der Schlange. In meinem Rücken probten sie den Aufstand. Und als sich das Päckchen Gouda mit der scharfen Kante in die Chipstüte bohrte, sah ich den kritischen Blick der Kassiererin. Noch eine Dose grüne Bohnen oder eine Flasche Mineralwasser und das System brach zusammen. Beide glitten übers Band und … und … nichts geschah!
»34 Euro 87«, ließ mich die Dame emotionslos wissen.
»Moment«, murmelte ich und schaute dorthin, wo eigentlich das Chaos hätte regieren müssen. Stattdessen lagen die Sachen etwas durcheinander in meinem Wagen. Das war ziemlich verwirrend, besonders weil ich meine eigenen Hände dabei ertappte, wie sie gerade die letzte Konserve einluden. Und in einer fließenden Bewegung einen Fünfziger zückten.
»Sammeln Sie Wölkchen?«
Ich schüttelte den Kopf, nahm mein Wechselgeld entgegen und verkrümelte mich aus dem Kassenbereich. Was sollte der Mist? Ich war völlig perplex. Vielleicht doch ein Spalt im Raum-Zeit-Kontinuum?
Nein, das wohl eher nicht.
Ich stand vor einem Rätsel. Aber in der Zwischenzeit hatte ich die Muse, eingehend über das Geschehene nachzudenken und bin zu einer Erklärung gelangt: Die Gesellschaft manipuliert meine Gedanken – und das garantiert nicht erst seit gestern. Hier ist eine lang angelegte, kontinuierliche Manipulation am Werke. Von Kindesbeinen an wurden mir feste Verhaltensmuster eingeimpft, die ich gar nicht selbst steuere. Sie abzuschalten ist damit weit weniger leicht, als es klingt.
Verständlicherweise erschreckte mich das zunächst etwas. Mittlerweile hat es meinen Ehrgeiz geweckt. Denn Eingepflanztes musste sich irgendwie auch wieder aus dem Blumentopf reißen lassen. Meine Metaphern werden nicht besser, dafür entschuldige ich mich. Anders ausgedrückt: Ich startete ein neues Experiment. Es hieß »Der Typ, der stehen blieb«.

 

Ich wollte relativ zahm beginnen, indem ich den Gehweg entlanglief und unvermittelt einen Stopp einlegte. Perfekt. Die Idee reizte mich und bezüglich der Konsequenzen kam ich erneut auf drei theoretische Szenarien. Erstens: Die Leute wichen mir geistesgegenwärtig aus. Zweitens: Meine Hintermänner und -frauen rempelten mich an oder schubsten mich zur Seite. Drittens: Es tat sich ein Spalt im Raum-Zeit-Kontinuum auf, der unsere bekannte Realität für immer veränderte.
Das statistische Ergebnis fiel sechzig zu vierzig für die ersten beiden Varianten aus.
Allerdings stieß ich unbeabsichtigt auf ein makabres Phänomen: Hatte mich einmal jemand giftig dreinblickend umrundet, mich angerempelt oder zur Seite gestoßen, gelang es mir nicht, an dieser Stelle stehen zu bleiben. Ich fühlte mich wie ein Störenfried im Fluss des Lebens. Beobachtet. Verurteilt. Geächtet. Zu diesem Gefühl trugen natürlich nicht zuletzt Sätze a la »Spinnst du, du Freak?!« oder »Geh nach Hause, Arschloch!« ihren Teil bei.
Ganz ähnliche Erfahrungen machte ich im Bus, wo ich Ein- und Ausgang blockierte, am Postschalter sowie in diversen Läden und Restaurants, in denen ich den Betrieb aufhielt. Am Ende erfasste mich stets das dringende Bedürfnis, mich zu entfernen. Insgesamt also ein weiteres – und ich möchte meinen recht deutliches – Indiz für die Manipulation meiner Gedanken durch die Gesellschaft. Denn bei jedem Abweichen von der Norm wurde mir offenbar suggeriert, dass ich aufgrund meines Verhaltens Scham empfinden müsste.
Zu vergleichbaren Ergebnissen führten auch Experiment drei bis sieben, in denen ich meinerseits Leute schubste und anrempelte, urplötzlich unflätige Laute von mir gab, auf automatisierte Fragen ungewöhnliche Antworten gab*, meinen Mitmenschen unter Nichtachtung des persönlichen Raums auf die Pelle rückte oder mich unaufgefordert in private Gespräche einmischte. (* zum Beispiel: »Könnten Sie mir die Uhrzeit sagen?« – »Klar, aber ich will nicht.«)
Sieben Experimente, sieben ähnlich gelagerte Resultate. Obwohl ich nicht weiß, wer genau dahintersteckt und wie es gemacht wird, steht fest, dass meine Gedanken nicht mir allein gehören. Ebenso die meines Nachbarn, des Postboten, meiner Mutter und Ihre. Selbst wenn ich es leugnen wollte, diese Sache ist größer als ich.

 

Nun da ich Ihnen das Geheimnis verraten habe, verstehen Sie eventuell, dass ich ab einem gewissen Punkt radikaler werden musste in meinem Forschen. Ich durfte schließlich nicht einfach ignorieren, was ich herausgefunden hatte. Es war an mir, etwas zu unternehmen. Den Bann zu durchbrechen. Die Manipulation aufzulösen.
Fragte sich nur wie.
Zunächst wiederholte ich meine bereits erprobten Experimente. Unter verschärften Bedingungen versteht sich. So hielt ich diesmal andere Menschen an der Kasse davon ab, ihre Sachen in Tüten zu verstauen. Schubste Leute vor Fahrräder. Gab auf automatisierte Fragen verstörende Antworten*. Oder verfolgte sie dichtauf, bis sie anfingen, vor mir wegzurennen. (* zum Beispiel: »Könnten Sie mir die Uhrzeit sagen?« – »Es ist kurz vor ich klatsch dir gleich eine.«)
Leider brachte das Ganze nicht den gewünschten Erfolg. Ich überwand zwar immer besser meine Hemmungen, doch begann ich mich dafür stärker als Außenseiter zu fühlen. Nein, es handelte sich weniger um ein Gefühl, als um eine Tatsache. Denn je mehr ich mich gegen die Manipulation auflehnte, desto deutlicher grenzte mich die Gesellschaft aus. Sanktionierte mich. Bemühte sich, mich wieder in den Kreislauf hineinzuzwängen. Man weigerte sich, mich zu bedienen, oder erteilte mir sogar Ladenverbot. Ich wurde beschimpft. Einige Male erhielt ich eine Anzeige. Einmal verdonnerte man mich zu einem Kursus über angemessenes Verhalten. Kurzum ich fand kein wirksames Mittel, die Gedankenkontrolle vollends abzustreifen.
Es reichte also nicht, mich einfach querzustellen.
Als Einzelkämpfer zu agieren.
Allein nach einer Lösung zu suchen.
Nein, das alles genügt nicht.
Wenn überhaupt eine Chance auf Befreiung besteht, dann höchstens durch die Auflehnung vieler. In der Masse können wir die Manipulation vielleicht knacken. Aber dazu muss ich meine Mitmenschen erst aufklären. Muss sie aufwecken. Muss sie aus ihrem Dämmerzustand holen. Eine Aufgabe, die eines Paukenschlags bedarf. Einer unübersehbaren Handlung mit unüberhörbarem Nachhall, für die ich mich notfalls auch selbst opfere. Weil es meine Pflicht ist.
Darum bin ich nun hier. Sitze in meinem Auto und beobachte den Fluss der Schnellstraße. Ich plane, den Wagen in den Gegenverkehr zu steuern. Das wird für die nötige Aufmerksamkeit sorgen. Und später werden sie meine Aufzeichnungen finden. Meine Offenbarung. Die Wahrheit. Ich weiß, das klingt extrem – und für den Außenstehenden schätzungsweise ein bisschen verrückt. Bin ich verrückt? Kann das sein? Sollte ich das Ganze vergessen und nachhause fahren? Nein. Ich habe Ihnen ja erzählt, worum es geht. Sie verstehen mich, oder? Ich muss es tun. Mir bleibt gar keine andere Wahl.

 

Daniela Herbst 05/01/2016 No Comments

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