Und wenn er nicht draufgegangen ist

Der gläserne Schuh schoss zwischen zwei Bäumen hindurch und zerschellte an einer Eiche. Millionen kleiner Splitter ließen die Luft glitzern, verfehlten den Kopf des Wolfes aber um wenige Zentimeter. Das schwarze Ungetüm stürmte weiter auf Roland zu. Sein verfilztes Fell verströmte selbst auf diese Entfernung den Gestank eines verendeten Hundes.
»Verschwinde, du blödes Vieh«, schrie er über die Schulter und duckte sich im Lauf unter einem tiefhängenden Ast weg.
Das schien dieses Monster sogar noch anzuspornen. Knurrend beschleunigte es und holte allmählich auf. Beinahe spürte er seinen Atem. Zwei, drei Biegungen und er machte wohl die Bekanntschaft mit spitzen Reißzähnen in seiner Wade.
Der Wolf kam gnadenlos näher.
Roland schielte rückwärts und sah, wie es zum Sprung ansetzte. Die Vorderpfoten verloren den Bodenkontakt. Einen Moment stand das Tier quasi in der Luft. Aus seiner Kehle löste sich ein gieriges Grollen. Plötzlich wurde der pelzige Körper herumgerissen. Sein Verfolger jaulte schrill auf, krachte zu Boden und blieb reglos auf der Seite liegen.
Roland berührte verwirrt sein Ohr. Blut befeuchtete seine Finger.
Jemand hatte geschossen.

 

Schockiert starrte er in die Richtung, aus der die Kugel gekommen war. Auf einer kleinen Anhöhe erspähte er einen Jäger mit gegen die Schulter gepresstem Gewehr.
Der Mann hatte ihm das Leben gerettet …
Zögernd hob er die Hand, um dem Schützen zu danken.
Ein zweiter Schuss krachte in den Waldboden. Moos und Erde stoben auf – und mit ihnen die Erkenntnis, dass der Jäger ihn beim ersten Mal schlicht verfehlt hatte. Glück für ihn, Pech für den Wolf, wieder Pech für ihn.
Fluchend duckte sich Roland hinter den umgeknickten Stamm einer Tanne. Von dort aus schlich er rückwärts über Wurzeln und Laub. Das Gewehr schwieg. Zunächst dachte er, ihm sei nur eine Verschnaufpause vergönnt, bis die Waffe nachgeladen war. Doch die Sekunden vergingen und die Distanz wuchs. Der Kerl schien kein Interesse an einer Verfolgung zu haben.
Nach etwa hundert Metern wagte es Roland endlich, der Anhöhe den Rücken zu kehren und normal vorwärts zu laufen.
Langsam wurde es dunkel. Er gähnte und rieb sich fröstelnd die Arme. Jetzt ein Platz an einem knisternden Feuerchen … Irgendwo zwischen den Bäumen konnte er Licht erkennen. Als er näher kam, sah er eine Hütte, die süß duftete und deren beleuchtete Fenster einladend wirkten. Doch ehe er Hoffnung auf einen warmen Abend schöpfte, öffnete sich die Tür und eine hässlich Alte lockte ihn mit ihren dürren Fingern.
Ihr Gesicht eine Fratze. Ihre Gestalt das Elend. Ihre Augen lüstern auf seine Hüften geheftet. Lieber frieren … Im letzten Moment beschrieb er einen weiten Bogen. Ein Manöver, das die Alte zu einem Fluch veranlasste, der selbst dem Teufel rote Ohren beschert hätte. Sie entblößte spitze Zähne, von denen Blut troff, und bestätigte so Rolands Entscheidung, besser nicht bei ihr eingekehrt zu sein.

 

Doch naiv zu glauben, es wäre damit erledigt.
Noch während die Hexe zu einem erbosten Lachen ansetzte, hetzte sie ihm ihre Raben hinterher. Schwarz und laut glitt der Schwarm auf ihn zu. Ihre Schnäbel hackten blutige Wunden in sein Fleisch und ihre Krallen versuchten, ihn aufzuschlitzen.
Wieder wurde er gezwungen zu rennen. Halb blind aufgrund des zunehmenden Dickichts stolperte er durchs Gehölz und schlug um sich.
Fast hätte er die Schlucht, die sich plötzlich auftat, übersehen und wäre in die Tiefe gestürzt. So verfing sich sein Fuß »bloß« in einer Wurzel, er geriet ins Straucheln, konnte sein Gleichgewicht nicht wiedergewinnen und kippte über den Rand des Abgrunds.
Was ihn letztendlich vor dem Tod bewahrte, war eine gigantische Bohnenranke, in die er im Fallen seine Finger krallte. Eisern hielt er sich an dem Gemüse fest und kletterte hinab. Weiter und weiter, bis er wieder Boden unter den Sohlen spürte. Und da stand er mitten im Nirgendwo.
Die Nacht zog auf.
Völlig erschöpft suchte Roland einen Unterschlupf, der ihm Schutz sowie Obdach für die dunklen Stunden böte, und fand ein leer stehendes Häuschen. Drei Stühle. Drei Betten. Drei Teller. Aber keine Bewohner. Zeit ein wenig zu ruhen.
Er war in Sicherheit.
Vorerst zumindest.
Denn diesem Wald konnte man wahrlich nicht trauen.

 

Daniela Herbst 31/08/2014 No Comments

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