… und weg bist du

Genervt saß Natascha an ihrem Laptop und hackte mit dem Zeigefinger auf die Löschen-Taste ein. Der letzte Satz ergab nicht den geringsten Sinn. Eine Mischung aus Mandarin und Klingonisch. Aber wie zum Teufel sollte man sich bei dem Radau auch aufs Schreiben konzentrieren?! Kaum hatte sie fünf Wörter getippt, ertönten Flüche, Rufe nach ominösem Werkzeug oder es schepperte irgendwo zwischen hier und dem Keller.


»Keine Sorge, Sie werden die Handwerker fast gar nicht bemerken.« Die lapidare Aussage des Hausmeisters echote ihr noch in den Ohren.
Das war nicht gelogen. Während der Mittagspause von zwölf bis eins kriegte sie wirklich »fast gar nicht« mit, dass ihre Nachbarn ihr Badezimmer renovieren ließen. Niemand zu sehen. Niemand zu hören. Niemand zu riechen.
Die restlichen Stunden des Arbeitstages klang es leider, als risse jemand dem Gebäude die Innereien heraus, um damit auf seine Mauern einzuprügeln. Außerdem verdunkelten regelmäßig Staubwolken die Welt vor ihrem Fenster. Dabei hätte schon der Gestank modriger Rohre plus Zement und Männerschweiß im Treppenhaus gereicht, ihr die Laune zu verhageln.
Zum Glück wurde es in fünf Minuten zwölf.
Sie lauschte. Ja … der Trupp rückte ab zu Leberkäsesemmeln und Bier.
Vielleicht schaffte sie es zumindest das aktuelle Kapitel zu beenden.

 

Kaum war der Gedanken gedacht, klingelte das Telefon.
»Keiner daheim!«, ließ sie den leeren Flur wissen.
Garantiert ihre Mutter, die wieder stundenlang von ihrem Pilates-Kurs erzählen wollte. Das konnte sie im Moment echt nicht gebrauchen. Sie blickte zur Uhr. Wenigstens nicht in dem schmalen Zeitfenster, das ihr die Bauarbeiter zum Schreiben einräumten. Sie würde zurückrufen. Wenn das dämliche Ding irgendwann aufhörte zu klingeln …
»Bitte! Bitte. Bitte.«
Das Mantra erzielte die gewünschte Wirkung – das Telefon verstummte. Dafür schlich ihr nun Kater Melvin, frisch aus dem Schlaf gebimmelt, um die Füße und forderte lautstark seine Fütterung ein.  Ihr »Später Dicker« ignorierte er dabei geflissentlich. Sie wiederum versuchte angestrengt, die fiesen Töne im Ultraschallbereich zu ignorieren. Nach mehreren Runden gab sie resigniert auf, schlurfte in die Küche und füllte den Napf ihres roten Tigers. Der stürzte sich schmatzend auf das Mahl.
Zehn Minuten darauf war Melvin satt und die Wohnung ruhig.
Natascha atmete befreit auf.
Doch gerade als sie die Finger knacken ließ und auf die Tatstatur senkte, ging die Türglocke.
»Verdammt, wer …«, zischte sie.
Auf der Schwelle stand der Hausmeister, der sie darüber informierte, dass für etwa drei Stunden das Wasser im gesamten Haus abgestellt werden müsse. Sie wimmelte ihn schnellstmöglich ab und kehrte an ihren Laptop zurück.

 

»Universum? Hier Natascha. Sorgst du bitte dafür, dass mich ab jetzt keiner mehr beim Schreiben stört?« Sie grinste.
Dann schaute sie auf die Uhr. Noch eine knappe halbe Stunde, ehe der Bautrupp wieder anrückte. Sie sollte sich beeilen. Rasch klemmte sie sich hinter die Tastatur und begann, das angefangene Kapitel zu Ende zu tippen.
Ihren Erwartungen zum Trotz blieb es tatsächlich die gesamte halbe Stunde still.
Und es blieb auch in der Stunde darauf still.
Es blieb den ganzen Tag still.
Erfreut danke Natascha dem Universum. Natürlich nicht im Ernst; sie glaubte bei aller Vernunft nicht wirklich, dass ihr Wunsch ihr die Ruhe beschert hatte. Doch so war es.
Die Freude sollte allerdings nicht lange währen.
Was sie nämlich nicht wusste – es würde für sie nie wieder laut werden. Nicht morgen. Nicht übermorgen. Nicht nächste Woche. Die Arbeiter, ihre Mutter, der Hausmeister, Kater Melvin, ihre Nachbarn und die restliche Welt waren verschwunden. Ausgesperrt aus ihrer versehentlich geschaffenen Raum-Zeit-Blase.

 

Daniela Herbst 16/09/2014 No Comments

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