Toter Mann

Als die Menschen in der Lindenallee 7a bis 18e an diesem Mittwochmorgen aus dem Fenster schauten, sahen sie einen toten Mann auf der Straße liegen. Bis zum dritten Stock konnte man sämtliche realistischen Details erkennen; aus den Etagen darüber erinnerte er eher an eine Puppe. Unabhängig vom Blickwinkel wusste niemand, wer er war.
Später würde ihn die Polizei als Korbinian Wellinger identifizieren – und einen entfernten Verwandten ausfindig machen, der sich um die Beerdigung kümmerte. Am Morgen dieses achten Mai jedoch blieb er ein unbekannter etwa dreißigjähriger Leichnam.


Die meisten Leute beschäftigte am Anfang vor allem die Frage, wo der Tote gewohnt hatte. Bald kamen die unterschiedlichsten Spekulationen auf. Eine Frau zum Beispiel behauptete, ihm noch letzten Mittwoch eine Tasse Mehl geliehen zu haben. Eine andere Dame meinte, in ihm den neuen Mieter aus dem Nebenhaus zuerkennen. Ein Rentnerehepaar aus 10b glaubte für geschlagene zwei Stunden sogar, dass es sich um ihren Enkel handelte, der heimlich in ihre Straße gezogen war.

 

Den übrigen Morgen, den Vormittag und den Großteil des Mittags bevölkerten  Beamte und Reporter den Ort des Geschehens. Emsig wie Bienen versuchten sie, einen Namen zu erfahren, ein Foto zu ergattern oder jemanden aus dem Beziehungskreis des Mannes ausfindig zu machen.
Und auch hier gingen die Meinungen weit auseinander. Der Hausmeister, der die Häuser 12 bis 16 betreute, schwor Stein und Bein, der Tote sei Italiener oder Japaner gewesen. Eine Kosmetikerin, die bei einer Freundin auf der Couch schlief, deren Freund auf 14c wohnte, erinnerte sich gehört zu haben, dass dort ein Martin für Ärger sorgte, der eventuell auf die Beschreibung passen würde. Sieben Stimmen fielen zudem auf Michael, fünf auf Ben und zwei auf Goran – der Rest verstreute sich. Ein Foto konnte keiner beisteuern.

 

Gegen Nachmittag, nachdem man den weiterhin namenlosen Korbinian Wellinger längst abtransportiert hatte, machten die ersten handfesten Gerüchte die Runde. Der Student aus der linken Dachgeschosswohnung in 9a erzählte einer Kommilitonin auf dem Weg zur Uni, dass offenbar einer in seinem Haus aus dem Fenster gesprungen war. Der Bäcker vom Eckladen teilte einer Kundin seinen Verdacht mit es sei vielleicht ein Unfall mit Fahrerflucht gewesen. Der letzten Monat zugezogene Familienvater aus 12b flüsterte gar von kriminellen Verstrickungen und einem gezielten Mordanschlag.

 

Am Abend interessierte sich kaum noch jemand für die Geschichte vom unbekannten Toten. Die Kinder wollte niemand erschrecken. Die Erwachsenen hatten fast alle Varianten mindestens einmal durchgekaut. Und die, die alleine wohnten oder spät nach Hause kamen, erfuhren teilweise erst gar nichts von der Sache. Nachts zuckte manch einer wohl aus dem Schlaf, weil ein unheimliches Geräusch ihn geweckt hatte, doch allmählich setzte rundum Vergessen ein.

 

Der folgende Tag begann mit einer kleinen Zeitungsmeldung, die irgendwo auf Seite fünf in der mittleren Spalte den Tod eines gewissen Korbinian W. verkündete. Unfall. Genickbruch. Fremdverschulden ausgeschlossen. Die zuständigen Beamten spekulierten, dass der Tote beim Fensterputzen ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt war. Er hatte zu einer Reinigungsfirma gehört, die die Mieterin aus der dritten Etage rechts auf 10b regelmäßig in Anspruch nahm. Sie selbst befand sich zur Zeit des Unglücks in Urlaub.

Fast jeder in der Lindenallee 7a bis 18e startete mit diesen rund zwanzig Zeilen seinen Morgen. Ein Teenager schnitt den Artikel aus und funktionierte ihn kurzerhand zur aktuellen Hausaufgabe Thema Aktuelles Zeitgeschehen um. Die Gebäudeverwaltung von Hausnummer 15 und 17 sammelte für einen hübschen Gemeinschaftskranz. Zwei Freundinnen aus einer WG auf 8a richteten eine Gedächtnisseite im Internet ein. Einem Mieter aus 11c fiel auf dem Weg zur Arbeit der Zeitungsartikel im Treppenhaus aus der Tasche. Sein Nachbar ein Stockwerk tiefer sah es und wollte ihm Bescheid sagen. Während er noch überlegte, wie der Mann nur heißen mochte, war dieser schon um die nächste Ecke verschwunden.

 

Daniela Herbst 10/07/2013 No Comments

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