Tod auf Raten

Irritiert griff sich Heinrich Michalski an die Brust. Bekam er etwa einen zweiten Herzinfarkt? Nein, das fühlte sich anders an als vor drei Jahren. Der korpulente Mann mit der Halbglatze taumelte rückwärts auf seinen Drehstuhl. Seine Fingerspitzen kribbelten. Das taten sie in letzter Zeit dauernd, aber darüber machte er sich keine Sorgen. Angst bereitete ihm nur dieses Brennen im Brustkorb und dieses Empfinden, nicht richtig atmen zu können.
»Hallo? Jemand da?«, ertönte es aus dem Schalterraum.
Mist, Kundschaft … Er hörte die Stimme vorn im Laden gedämpft zu ihm dringen. Hoffentlich kam derjenige nicht nach hinten. Der Tresor stand sperrangelweit offen und er hatte einige wertvolle Gegenstände herumliegen. Allein neben ihm auf dem Tisch drei hochpreisige Armbanduhren sowie eine Handvoll Damenschmuck. Sein kleines Pfandleihhaus hatte sich die letzten Wochen ganz schön gemausert, stellte er nicht ohne einen gewissen Stolz fest.
Dann schoss ihm ein stechender Schmerz durch die Lunge und um ihn herum wurde es schwarz.

 

»Wo ist der Tote?«
»Im Büro«, sagte der uniformierte Polizist und hielt Kommissar Langmaar die Tür zu Selbigem auf. »Muss ihn ziemlich unerwartet erwischt haben. Der Typ sitzt noch in seinem Stuhl.«
Ingo Langmaar schlüpfte in den kleinen Raum, in dem kaum genug Platz war, sich einmal um die eigene Achse zu drehen. Die Luft roch abgestanden und da es kein Fenster gab, bestand die einzige Lichtquelle aus einer staubigen Leuchtstoffröhre an der Decke. Es kostete ihn regelrecht Überwindung, nicht sofort wieder rückwärts aus dem windigen Kabuff zu stolpern. Seine latente Klaustrophobie war ihm dabei nicht unbedingt eine Hilfe.
»Was haben wir über den Mann?«
»Heinrich Michalski, sechsundvierzig. Geschieden. Keine Kinder. Betreibt seit drei Jahren dieses Pfandleihhaus. Wohnt in der Bergiusstraße.«
Der Kommissar nickte und sah sich aufmerksam um. Auf den ersten Blick schien nichts ungewöhnlich oder auffällig zu sein. Es gab exakt die Dinge zu sehen, die man in einem solchen Geschäft auch erwarten würde. Einige Wertgegenstände, dazwischen bunt gemischter Plunder und ein paar dünne Bündel lose Geldscheine. Selbst der Pfandleiher wirkte normal. Als wäre er an einem spontanen Herzversagen gestorben.

 

»Ingo! Entschuldige die Verspätung, meine verdammte Karre wollte nicht anspringen.« Hektisch drängte sich sein Kollege Jens Harting an dem uniformierten Beamten vorbei und schielte zur Tür herein. »Habe ich was verpasst?«
»Nein«, erwiderte Langmaar in bemüht neutralem Ton. Ihm standen bereits Schweißperlen auf der Stirn. »Aber du kannst hier drinnen gern für mich übernehmen.«
»Klar.« Harting, der um sein Problem mit engen Räumen nur allzu gut wusste, beeilte sich, mit ihm den Platz zu tauschen. »Nochmal: Es tut mir echt leid.«
»Schon gut.«
Auch er unterzog das kleine Büro einer gründlichen ersten Inspektion.
»Okay, ich sehe kein Einschussloch, Seil oder Messer, das unserem vermeintlichen Opfer aus dem Rücken ragt. Warum hat man uns hinzugezogen?«
»Weil er offenbar vergiftet wurde.« Ingo Langmaar hob prophylaktisch die Hand. »Und nein, bevor du fragst: Spuren am Tatort, die darauf hinweisen, gibt es bislang nicht.«
Über Hartings Kopf erschien ein großes Fragezeichen.
»Der Kerl, der ihn gefunden und die Polizei verständigt hat, ist wenig später mit einer schweren allergischen Reaktion ins Krankenhaus gekommen. Hatte geschwollene Pfoten wie ein Hummer. Bei der routinemäßigen Blutprobe stellten die Ärzte eine toxische Substanz fest. Deren Dosis war zum Glück für ihn viel zu gering, um ernsthaften Schaden anzurichten. In höherer Konzentration oder längerfristig verabreicht führt sie jedoch zu einem Herzanfall ähnlichen Tod.«

 

»Verstehe, wir suchen also nach einem Gegenstand, den beide Männer in den Fingern hatten. Heinrich Michalski öfter bis regelmäßig.«
»Es wird noch eine Spur komplizierter«, meinte Langmaar und lehnte sich in den Türrahmen. »Laut Aussage des behandelnden Arztes muss unser Finder das Zeug bis kurz vor seiner Einlieferung bei sich gehabt haben.«
»Das heißt, er hat vermutlich etwas mitgehen lassen.«
»Würde ich auch so sehen. Die zuständigen Beamten konnten aber nichts Ungewöhnliches bei ihm sicherstellten «
»Na dann wollen wir mal mit der Suche beginnen«, sagte Harting.
Er und sein Kollege streiften sich Gummihandschuhe über. Während er selbst das Büro filzte, reichte er Langmaar Briefe, Unterlagen und was sonst noch lose auf dem Schreibtisch herumlag nach draußen. Bald hatten sie alles gesichtet und kategorisiert.
»Irgendetwas Verdächtiges entdeckt, Ingo?«
»Nein, was jetzt? Wir können ja schlecht das gesamte Inventar zu uns ins rechtsmedizinische Labor schleppen.« Jens Harting seufzte. »Gibt es keine Methode, das Gift sichtbar zu machen wie bei Blut?«
Sein Gegenüber schüttelte resigniert den Kopf.

 

Hinter ihnen rückten die Männer mit dem Metallsarg an, um die Leiche abzuholen. Scheinbar hatte der zuständige Pathologe grünes Licht für den Transport gegeben.
»Tag, die Herren«, grüßte Ingo Langmaar.
»Tag«, schloss sich Harting an, ging aus dem Büro und ließ die beiden durch.
Die zwei nickten nur und murmelten etwas Unverständliches zur Erwiderung. Dann machten sie sich routiniert an ihre Arbeit.
»Jedes Mal einen Euro, wenn ich ignoriert werde, und ich wäre reich.«
»Was hast du gesagt?«
»Ich sagte: Jedes Mal einen Euro, …«
»Jens, du bist ein Genie!« Langmaar schnalzte mit der Zunge und drängte sich zu den Männern in das enge Büro. Seine Klaustrophobie schien vergessen. Er wirkte regelrecht euphorisch. Drei Minuten später kam er mit in Plastikbeuteln verstauten Geldscheinen wieder heraus.
»Ingo? Klärst du mich auf?«
»Was hält ein Pfandleiher Tag für Tag in Händen? Und was kann jeder stehlen, ohne dass es großartig auffällt?« Er hielt die Beutel triumphierend hoch. »Geld!«
»Respekt.« Sein Kollege lächelte anerkennend. »Jetzt müssen wir in den Büchern nur noch jemanden finden, der in letzter Zeit seine Schulden bar in Raten beglichen hat, und wir haben unseren Tatverdächtigen.«

 

Daniela Herbst 01/05/2015 No Comments

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