Tischsitten

KochenSchweigend bearbeitete Patricia ihr Stück Schokosahne mit der Gabel. Bissen für Bissen schaufelte sie in ihren Mund und fragte sich im Stillen, warum zum Teufel sie eigentlich jeden Dienstag diese Treffen abhielten. Dabei ging es weniger um ihr Beisammensein per se – sie waren seit Jahren miteinander befreundet – die Frage lief eher auf die Art desselbigen hinaus. Sie verabredeten sich nämlich immer und ständig zum Essen. Was ja auch völlig legitim wäre, wenn sie alle gern dieser Beschäftigung nachgehen würden.


Im Grunde jedoch aß sie stets als Einzige. In den letzten anderthalb Stunden einen Salat, Caspacho vom Rind, gebratenen Zander nebst Pellkartoffeln und Gemüse, dazu zwei verschiedene Weine, etwas Brot und damit die Torte besser flutschte einen Cappuccino. Ihre Serviette erinnerte an eine alte Landkarte von Preußen.
Bald passte absolut kein Krümelchen mehr in ihren geschundenen Magen. Sie spürte schon, wie der Bund ihres Rocks sie unangenehm einengte und begann, die Blutzufuhr zu ihren Beinen abzuschnüren. Heiliges Drei-Gänge-Menü! Sie stand kurz vorm Platzen.
Und die anderen?

 

Sie schielte zu Melanie, die alle paar Minuten in ihrem Salat herumstocherte, ohne auch nur ein Blättchen zu essen. Nein, das stimmte nicht, eine halbe Gurkenscheibe und zwei grüne Bohnen waren tatsächlich in ihren Mund gewandert. Ein mittleres Wunder, denn nach ihrer Konfektionsgröße zu schließen ernährte sich die Frau überwiegend von Luft und Quellwasser. Das Wort „magersüchtig“ klang da schon optimistisch.
Kilian dagegen hatte sich ein ordentliches Steak mit Pommes aus der Speisekarte gepickt. Rund Dreiviertel davon lagen allerdings seit einer guten Stunde unberührt auf dem Teller und wurden kalt. Der Herr musste ja ständig mit seinem Smartphone herumspielen. Aber hey, immerhin war Kilian ein wichtiger Manager, Geschäftsführer oder weiß der Teufel. Zeit in Ruhe zu essen und sich mit seinen Freunden zu unterhalten – Fehlanzeige.
Blieb Sandra. Die Arme konnte einem echt leidtun. Abgesehen von Brunnenkresse, Kartoffeln und einer Handvoll grünen Gemüses reagierte sie wohl auf so ziemlich jedes Lebensmittel dieses Planeten allergisch. Zumindest auf diejenigen, die schmeckten. Laktose-Intoleranz, Weizenunverträglichkeit, bei Nüssen schwoll sie an, bei Früchten bekam sie Atemnot. Statt zu bestellen, führte sie üblicherweise ellenlange Diskussionen mit dem Kellner und beschloss dann, lieber doch nur ein Glas Wasser zu trinken.

 

Ja, Patricia fragte sich ernsthaft, warum sie sich Woche für Woche zum Essen trafen. Am Ende war sie die Einzige, die aß. Und zwar eine ganze Menge … Mit schlechtem Gewissen betrachtete sie den leergefegten Teller, auf dem eben noch ein Stück Torte gelegen hatte. Von der süßen Schweinerei zeugten lediglich drei braune Schleifspuren. Zusammen mit dem Salat, dem Caspacho vom Rind, dem gebratenen Zander nebst Pellkartoffeln und Gemüse, den zwei verschiedenen Weinen, etwas Brot und dem Cappuccino ergab das einen kalorientechnischen Super-Gau.
Na klasse!
Ihre Magenwand spannte. Sie hatte Kopfschmerzen und ihr war leicht übel. Zumindest ein Gutes. Dann würde sie die Finger nicht allzu tief in den Hals stecken müssen, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Mit einem entschuldigenden Lächeln erhob sie sich, deutete in Richtung der Toiletten und setzte sich in Bewegung.
Bis Melanie die zweite Hälfte der Gurkenscheibe verspeist, Kilian sein Telefonat beendet und Sandra den Kellner in den Wahnsinn getrieben hatte, wäre sie mit Kotzen fertig. So konnten sie das Lokal zusammen verlassen.

 

Daniela Herbst 05/09/2014 No Comments

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