Tag X

Die Nacht ruhte schwer auf der Landschaft. Gelbliche Wolken zogen den Himmel entlang und im Osten braute sich ein Gewitter zusammen. Man roch den herben Geruch der Natur, der wie ein nebelhafter Teppich über allem lag. Als würde die Welt in einer Mischung aus würzigem Waldaroma und modrigem Brackwasser ersticken.
WeltEs war beklemmend. Nicht greifbar, dennoch deutlich zu spüren. Etwas hatte sich verändert. Unsichtbar kippte das zarte Gleichgewicht des Seins – und auf unerklärliche Weise wirkte das Leben selbst zunehmend feindlich.
Dazu kam diese merkwürdige Stille.
Ein Schweigen von Flora und Fauna, das in seiner Absolutheit fast einer Drohung gleichkam.

 Besonders sensitive Wesen mochten den Wandel sogar schmecken. Wenn sie ihre Münder der kalten Luft öffneten, drang ein Teil dessen, was im Verborgenen harrte, an ihre Zungen. Ein Geschmack nach verbranntem Gras, Staub und saurem Regen. Er brachte die Augen zum Tränen und blieb in Form eines leichten Brennens am Gaumen kleben.

 

Flüsternd sprachen die Menschen von ihren Ängsten. Bildeten Gruppen und drängten sich an ihren Nebenmann. Die Tiere schmiegten sich in Schwarm, Herde oder Rotte eng aneinander. Die Pflanzen zogen die Köpfe ein. Ein jeder und jedes suchte instinktiv einen Unterschlupf. Eine Zuflucht, die Schutz und Wärme verhieß.
Der Fantasiebegabte bemerkte außerdem vielleicht, dass die Flüsse langsamer flossen, die Bäume gegen den Wind wogten und die Berge kein Echo mehr verbreiteten.
Irgendwann hörte der Wind sogar völlig auf, zu wehen. Nicht die leiseste Brise rührte sich alsbald. Kein Grashalm bewegte seine dünne Silhouette. Kein frischer Hauch strich über die Gesichter, der wenigen Einsamen, die zu dieser Zeit noch umherirrten.
Stehende Luft unter dem diffusen Licht eines verhangenen Mondes und einer nicht untergehen wollenden Sonne, die hinter ihrem bleichen Bruder einen orangenen Kranz erschuf.

 

Hätte man den Menschen erzählt, welche Veränderung ihnen und der gesamten Welt widerfahren war, sie hätten es wohl nicht geglaubt.
Selbstverständlich nicht. Wie sollte man jemandem begreiflich machen, dass das Leben, das ihm aus unerfindlichen Gründen plötzlich feindlich erschien, längst nicht mehr existierte? Dass der Geruch der Natur nur noch träge in ihrer Erinnerung nachhallte. Dass die Geräusche und der Wind jenseits der Grenzen nicht überdauern konnten? Dass sie den Geschmack ihres eigenen Todes auf der Zunge wahrnahmen?
Wer stellte sich den Tod schon auf diese Weise vor?
Erwarteten wir nicht alle einen donnernden Schlag, der uns aus dem Universum reißt? Ein gewaltiges Ereignis, das Augen und Ohren, Lippen und Haut, die gesamte Existenz in ihren Grundfesten erschüttert? Ein unübersehbares Zeichen, ehe das Schicksal höchstselbst das unwiederbringliche Ende des Seins einläutet?
In unserer Vorstellung stirbt dieser Planet doch nicht heimlich und leise, um unspektakulär in der Unendlichkeit zu verblassen.
Aber genau das war geschehen. Während eine nicht untergehen wollende Sonne hinter ihrem bleichen Bruder einen orangenen Kranz erschuf und den Nachhall einer gestorbenen Welt in diffuses Licht tauchte.

 

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Daniela Herbst 10/10/2014 No Comments

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