Sterben für Fortgeschrittene

Als ich meinem Mörder begegnete, hat es geregnet. Der Nachmittag war bereits in einen frühen Abend übergegangen und es hatte langsam begonnen, dunkel zu werden.
Er lauerte mir in einer kleinen Seitengasse abseits der Läden auf. An einer Ecke, zu der sich normalerweise kaum eine Menschenseele verirrte. Nicht einmal Spaziergänger mit ihren Hunden oder Jugendliche, die heimlich ein Bier trinken und rauchen wollten. Keine Ahnung, was ich dort machte. Vermutlich war ich mit dem Kopf einfach woanders. Soll gelegentlich vorkommen.
Das nennt man wohl Pech. Denn ich muss so etwas wie ein Zufallsopfer gewesen sein. Zumindest vermutete die Polizei das hinterher. Zur falschen Zeit am falschen Ort, wie man so platt sagt.

»Wieder ein Opfer sinnloser Gewalt und Kriminalität – Passant wegen zwanzig Euro erstochen«, titelten die Onlinenachrichten am nächsten Morgen. Klingt direkt harmlos, nicht? Erst gegen Mitte des Artikels wurde das eigentliche Ausmaß der Tat ersichtlich. Da war dann von Tritten und Fäusten die Rede. Von ausgeschlagenen Zähnen und einem zerschrammten Gesicht.
Ja, der Kerl hat seine Wut ganz schön an mir abreagiert. Vielleicht aus Enttäuschung über die mickerigen zwanzig Euro. Vielleicht auch weil ihm meine Art zu laufen nicht gefiel. Keine Ahnung. Ich weiß nicht, warum mich der Mann zusammengeschlagen und umgebracht hat. Und ich möchte es nicht wissen.
Obwohl ich manchmal glaube, ein Motiv würde es mir irgendwie erleichtern, die Sache zu verarbeiten.

 

Andererseits ändert kein Motiv der Welt etwas an den Tatsachen: Ich bin tot und begraben. Natürlich nicht wirklich, sonst könnte ich ja nicht denken und sprechen. Ich lebe und erfreue mich bester Gesundheit. Der Mensch, der mir kurz vor dem Überfall meine Brieftasche samt Personalausweis und Kreditkarten gestohlen hat, allerdings ist tot.
Seinen Namen kenne ich nicht – im Nachruf stand mein eigener.
Wie er aussah, weiß ich auch nicht. In den Zeitungen war immer ein Bild von mir abgedruckt.
Das alles in Worte zu fassen, fühlt sich nach wie vor seltsam an. Und obwohl ich selbst in diese Geschichte verstrickt bin, ist sie für mich bis heute kaum nachvollziehbar. Denn normalerweise sollte niemand so leicht in deine Haut schlüpfen können. Mag man zumindest annehmen. Im Endeffekt mussten aber nur ein paar Komponenten zusammenspielen und schon übernahm ein Fremder mein Leben.
Dass ich den Diebstahl nicht sofort bemerkt habe, sondern erst Stunden später, dürfte zum Beispiel so eine Komponente gewesen sein. Hätte ich meine Karten gleich sperren lassen, wären sie als gestohlen registriert worden und die Polizei hätte die Verwechslung im Handumdrehen aufgeklärt. Oder die Ähnlichkeit zwischen uns beiden – und dass niemand je die Identität des Toten hinterfragt hat. Zahlreiche fleißige, kleine Zahnräder …

 

Stellt sich die Frage, warum ich nie versucht habe, den Irrtum aufzuklären.
Nun, um ehrlich zu sein, kam mir das Sterben in diesem Moment äußerst gelegen. Ich hatte bei einigen nicht besonders netten Leuten Schulden gemacht, die jetzt ziemlich nachdrücklich deren Rückzahlung einforderten. Im Volksmund werden solche Leute gern Kredithaie genannt – und aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, der Begriff trifft den Nagel auf den sprichwörtlichen Kopf.
Beschissene Situation, wenn auch nicht verwunderlich.
»Deine Spielsucht wird dich eines Tages noch ins Grab bringen«, hatte mir damals schon meine Frau prophezeit. Kurz bevor sie aus unserer gemeinsamen Wohnung auszog und die Scheidung einreichte.
Sie sollte recht behalten.
Von dieser Entwicklung wäre aber sicher selbst sie überrascht gewesen.
Ärgerlich für die Gute, dass unsere Trennung gerade letzten Monat rechtskräftig geworden ist. Schlechtes Timing. Als Exfrau besitzt sie nämlich keinerlei Ansprüche auf meine Lebensversicherung oder eine Witwenrente. Und einen Toten auf Unterhalt zu verklagen, funktioniert in diesem System leider nicht.
Im Endeffekt bewahrten mich Diebstahl und Überfall also vor einem höchst unerfreulichen Leben. Was mich schätzungsweise zum einzigen Menschen auf diesem Planeten macht, der seinem Mörder bis in alle Ewigkeit dankbar sein wird.

 

Daniela Herbst 18/09/2015 No Comments

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