Spiegel-Ich

 

Zitternd stand Kerstin vor dem Badspiegel. Ein leichter Schweißfilm bedeckte ihre Stirn und sie hatte einen metallischen Geschmack auf der Zunge. Irgendwie wirkte der ganze Raum fremd. So als würde sie nicht hier wohnen, sondern wäre nur zu Besuch. Ein makabres Gefühl.
Sie versuchte, mit dem Lippenstift eine feine Kontur um ihren Mund zu ziehen, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. Er verschmierte immer wieder und je mehr sie sich anstrengte, desto schlimmer sah es am Ende aus. Bis sie genervt nach einem Kleenex griff und sich das Zeug aus dem Gesicht wischte. Oder besser aus der Fratze, die irgendwann mal ihr Gesicht gewesen war …
Kerstin schluckte.
Sie sah gelinde gesagt scheiße aus. Das war kein Mund, sondern ein bleiches Schildkrötenmaul. Ein blutleerer Schlitz, der höchstens zum Essen, aber garantiert nicht zum Küssen taugte. Sie gab die Sache mit dem Lippenstift auf und griff nach dem Lidschatten.
Eine Idee, die sie schnell bereute. Denn beinahe auf die Sekunde bildeten sich dunkle Schatten unter ihren Augen. Die blauen Äderchen traten hervor und ihre Wimpern wurden dünner. Dafür verdichteten sich ihre Brauen derart stark, dass sie in einem ungünstigen Winkel betrachtet einer Höhlenfrau aus der Steinzeit ähnelte.

 

Verunsichert öffnete sie den Deckel ihrer Puderdose. Mit Puder konnte man wenig falsch machen, oder? Vorsichtig bestäubte sie ihr Gesicht. Sie fing bei der Stirn an. Dann folgte sie den seitlichen Konturen. Zuletzt kümmerte sie sich um Nase und Kinn.
Alles gut. Nein, nicht ganz. 
Wenn sie genau hinsah, begannen ihre Wangen langsam anzuschwellen. Sie bekamen eine rötliche Schattierung und wölbten sich nach außen. So als hätte sie sich eine Handvoll Bonbons in die Hamsterbacken geschoben.

Kerstin öffnete den Mund. Irgendwie wusste sie selbst nicht, wonach sie suchte. Vielleicht nach einem entzündeten Gaumen oder einer anderen Erklärung. Dabei fiel ihr auf, dass die vordere Reihe Zähne seltsam schief wirkte. Nicht tragisch, aber auch nicht wirklich attraktiv. Die Schneidezähne überlappten sich ein wenig, zwischen zweien klaffte eine Lücke und überhaupt hatten alle einen leichten Gelbstich. Wenn sie nicht Mitte dreißig wäre, könnte man meinen, sie bräuchte eine Spange. Nebst einer professionellen Zahnreinigung.
Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete sich nun von oben bis unten: strähniges dünnes Haar, pummelige Figur, Pickel und eine flache Brust. Der Anblick kam ihr schmerzhaft vertraut vor.

 

Entsetzt schloss sie die Augen.
Sie war doch jetzt schön. Verständnislos schüttelte Kerstin den Kopf. Sie hatte sich die Zähne bereits vor Jahren korrigieren lassen. Mit Sport und gesunder Ernährung war sie ihre Speckrollen erfolgreich losgeworden. Dazu ihre gezupften und tätowierten Brauen, die aufgespritzten Lippen, die Silikonbrüste.
Sie schluchzte in die Kälte des Badezimmers. Was hatte sie nicht alles getan, um das schüchterne Mädchen von früher in die selbstbewusste Frau von heute zu verwandeln.  Angst, Schmerzen, eiserne Disziplin, Verzicht.
Und dann flatterte diese verdammte E-Mail in ihr Postfach und machte die Erfolge der letzten Jahre mit einem einzigen Schlag zunichte.  Klassentreffen … dieses eine Wort hatte in der Betreffzeile gestanden. Fünfzehn Buchstaben.
Zögernd öffnete sie die Augen. Sie war hübsch. Sie war taff. Sie war ein anderer Mensch als damals. Mit zittrigen Fingern griff sie erneut nach dem Lippenstift. Das Gesicht im Spiegel sah wieder aus wie immer. Aber unter der Fassade schimmerte nun der Zweifel und den konnte selbst das beste Make-up der Welt nicht überdecken.

 

Daniela Herbst 22/12/2016 No Comments

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