Smarter Abgang

Lydia schenkte sich ein Glas Apfelsaft ein und überflog ihre E-Mails. Drei Nachrichten ließ sie das Display ihres Samsung wissen. Alle von Mark. Gott, er widmete ihr mehr Aufmerksamkeit, seit sie Schluss gemacht hatten, als während des ganzen knappen Jahres ihrer Beziehung. Sie schloss das Menü, hüpfte kurz zu ihrem Facebook-Profil, lud einen Link hoch und bestätigte nebenbei eine Freundschaftsanfrage.
Sie schielte auf die Uhr. Noch über eine Stunde bis Katja zum Shopping eintrudelte. Verdammt viel Zeit, wenn es galt, sie einfach totzuschlagen.
Lustlos blätterte sie durch ihre Apps. Spiel, Spiel, Videoclips, Wetter, nutzlose Informationen, Spruch des Tages, Spiel, Musik, News … Sie stoppte bei einem Lupensymbol mit Fingerabdruck. Crimatic. Erinnerte irgendwie an die Illustrationen früherer Kriminalromane; Sherlock Holmes oder so. Ziemlich veraltete Aufmachung. Schon allein aufgrund des Icons und des blöden Namens hätte sich Lydia das Ding vermutlich gespart. Aber nach Katjas »cool, musst du ausprobieren« und der Gratisaktion gammelte es da eben seit vorgestern herum.
Sie tippte die Lupe an und startete die App. 

 

Willkommen leuchtete in leicht verschnörkelten, dunkelblauen Buchstaben auf. Die Schrift verschwand und es wurde eine kurze Anleitung eingeblendet: Das Verbrechen ist vielschichtig. Bitte triff an jeder Station von Crimatic eine Auswahl aus den vorgegebenen Möglichkeiten. Kannst du dich nicht entscheiden, drücke auf das Fragezeichen für eine andere Lösung nach dem Zufallsprinzip. Das Gelesene musste sie mittels Okay bestätigen, dann ihren Namen und ihr Alter eingeben. Fertig.
Auf dem Display erschien ein Haus im Comicstil. Rote Backsteinwände, weiß gestrichene Sprossenfenster, bronzefarbener Türklopfer in Form eines Löwenkopfs, klassische Fußmatte, großer Balkon, gepflegter Vorgarten mit Blumenbüschen. Sah aus wie die typische Spukvilla irgendwo am Ende des Pfades zum einsamen Berggipfel.
Frage eins: Auf welchem Weg soll der Verbrecher ins Haus gelangen? Indem er ein Fenster einschlägt? Als Pizzabote verkleidet durch die Haustür? Über den Balkon?
Irritiert blinzelte Lydia. Was sollte das für ein Spiel sein? Das verspätete Remake von Cluedo? Albern. Kurz war sie versucht, die App gleich wieder zu schließen, doch dann hätte sie sich wohl tagelang Katjas Genörgel anhören dürfen. Lieber einmal den Schrott durchspielen. Sie seufzte und wählte den Balkon. Die Tür des Comic-Hauses ging auf. Das Displaybild zoomte auf den mit Teppichen ausgelegten Vorraum.
Frage zwei: Wo soll das Opfer überrascht werden? Im Bad? Im Wohnzimmer? Im Schlafzimmer? In der Küche? Im Flur? Im Keller?
Sie entschied sich für das Wohnzimmer.
Bei Frage drei bis sieben nahm sie: am helllichten Tag, Fragezeichen, Fragezeichen, im Kofferraum eines Autos und fingierter Abschiedsbrief. Sie fand es irgendwie lustig bei »Wie soll das Opfer getötet werden?« und dem logischen zweiten Teil »Mit welcher Waffe soll das Opfer ermordet werden?« die Kreativität des virtuellen Verbrechers anzuspornen.

 

KrimiFrage acht: Wer soll sterben? Du, Lydia? Oder deine Freundin Katja?
Im Hintergrund blendete Crimatec comicartige Bilder von ihnen beiden ein. Vor Schreck fiel ihr fast das Smartphone aus der Hand. Was sollte der Scheiß?! War das ein blöder Witz? Sie starrte die Buchstaben an und wartete. Keine Änderung. Falls jemand Scherze mit ihr trieb, schien er nicht bereit, sie allzu schnell aufzulösen.
Allerdings hieß das längst nicht, dass sie das Spiel mitspielen musste.
Sie aktivierte den Taskmanager und beendete die App.
Nein, sie versuchte, die App zu beenden. Danach versuchte sie, das Smartphone auszuschalten, oder wenigstens in eine andere Anwendung zu wechseln. Doch sie landete immer wieder bei dieser dämlichen Frage – die mittlerweile blinkte. Du, Lydia? Oder deine Freundin Katja? Wer dachte sich so perversen Mist aus? Und welcher Vollidiot glaubte, dass sie sich zu einer Antwort zwingen ließ?!
Als hätte sie besagter Vollidiot aus weiter Ferne gehört, wurde unter den beiden Antwortmöglichkeiten ein Countdown eingeblendet. Sollte sie das als Drohung verstehen? 5 Sec … 4 Sec … 3 Sec … 2 Sec … 1 Sec … 0 Sec. Crimatec wählte automatisch das Fragezeichen. Sie hielt den Atem an. In diesem Moment klingelte das Smartphone.
Ihr blieb beinahe das Herz stehen. Sie keuchte und schaute auf das Display: Katja. Mit zittrigen Fingern nahm sie den Anruf entgegen.
»Hallo?«
»Hey Süße, ich bin´s. Ich verspäte mich eine halbe Stunde ja? Mir ist der blöde Geschirrspüler ausgelaufen und jetzt steht die Küche unter Wasser.«
»Kein Ding.«
»Prima.«
»Aber wir müssen über diese App reden, die du …«
»Entschuldige, kannst du eben warten?«, unterbrach Katja sie. »Da war irgendwas; kam von der Balkontür. Wahrscheinlich wieder dieser Vogel. Ich gehe kurz nachsehen.«
»Nein, mach das nicht! Ich …« Der Rest des Satzes, der eine Warnung hätte werden sollen, verebbte. Vielleicht besser so. War ja schließlich nur eine App. Oder? Die Schritte ihrer Freundin entfernten sich und Lydia lauschte aufmerksam in die Halbstille am anderen Ende.

ENDE DER GESCHICHTE – BITTE IN EIGENGEDANKEN VOLLENDEN

 

Daniela Herbst 23/01/2014 No Comments

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