Silberlinien

Sie starrte einen Moment in den Spiegel und schloss dann die Augen. Trotzdem spürte sie noch seine Gegenwart. Er war wie ein Rauschen in der Realität. Als wäre die Luft um ihn herum gleichzeitig kälter und wärmer.
»Willst du wirklich, dass ich gehe?«
»Ja.« Sie atmete tief ein. »Nein … Ich weiß es nicht.«
Er näherte sich ihr langsam von hinten. Seine Präsenz wurde zu einer kompakten Wolke, die die feinen Härchen an ihren Armen aufstellte. Ihr ein Kribbeln auf jedem Quadratmillimeter Haut verursachte.
»Es tut mir leid.«
»Was denn?«, fragte sie und in ihrer Stimme klang eine Entschuldigung mit.
»Dass ich nicht sein kann, was du brauchst.« Er umfasste ihre Hüften. Stützte das Kinn auf ihre rechte Schulter.
»Ist nicht deine Schuld.« Einen Moment hielt sie seine Hände. Zwei ewige Sekunden, in denen alles so richtig wirkte. So natürlich. Dann löste sie sich aus seiner Umarmung und ging an ihm vorbei aus dem Badezimmer.

 

Sie hatte sich fest vorgenommen, es heute zu beenden. Aber je länger er bei ihr war, desto unmöglicher schien es ihr, den Plan in die Tat umzusetzen.
»Reicht dir das hier nicht?«
»Was denn?«, fragte sie träge. »Was haben wir? Nichts. Nichts Echtes. Keine Zukunft. Keine Normalität. Nicht einmal einen gottverdammten Tag im Café.«
»Für mich fühlt es sich echt an.«
»Kein Wunder«, seufzte sie und schenkte Wodka in ein hohes Glas. »Du entstammst meiner Fantasie. Ich habe dich geschaffen.«
Das hatte sie. Vor all jenen Nächten. Als die Einsamkeit ihr die Luft zum Atmen nahm. Es war einfach gewesen. Ein Akt reinster Sehnsucht, den selbst ihre verdammte Vernunft nicht hatte aufhalten können. Nie hätte sie geahnt, dass es so viel schwerer sein würde, ihn zu zerstören. Dass er so sehr an Substanz gewann …
»Und wenn es dich doch glücklich macht, was soll so falsch daran sein?« Er küsste sie aufs Haar. »Ist es wirklich so wichtig, was ich bin?«
Ja, das fragte sie sich auch jedes Mal.
Bei jedem Mal, das sie in seine Arme und weiter von der Welt dort draußen davontrieb.

 

Daniela Herbst 04/03/2016 No Comments

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