Schwarzweißbunt

Wir lebten auf leise Art und Weise in einem lauten Haus. Ich kann mich nicht mehr an die Stadt oder das Land erinnern, aber ich weiß noch ganz genau, wie geborgen ich mich gefühlt habe. Alles war fremd vertraut, als wäre das Bekannte mit dem Unbekannten verschmolzen, um etwas Neues mit altem Kern zu erschaffen. Obwohl ich nicht lange dort wohnte – nur eine kurze Ewigkeit – prägte mich diese Zeit wohl stärker als all die Jahre, die danach kamen.
Vielleicht lag es daran, dass ich ein Kind war und keine ausgewachsenen Ansprüche an mein Zuhause stellte. Ich schlief, selbst wenn das Treiben unten auf der Straße die anderen wachhielt. Ich brauchte nicht viel Platz und fand sogar in der Enge Raum. Es ließ mich kalt, ob wir warmes Wasser hatten. Ich verstummte nicht trotz Unverständnis der Sprache. Ich konnte schweigend sprechen und falls nötig die Stille mit kindlicher Unbekümmertheit brechen. Mit mangelte es weder an materiellen noch an spirituellen oder emotionalen Dingen.

 

BlattWir aßen Nudeln mit Stäbchen, Reis mit dem Löffel und Maisbrei mit den Händen. Wir beteten morgens zu Jesus, mittags zu Allah, abends zu Shiva und nachts zu den Sternen. Ich hörte lustige Geschichten und traurige Wahrheiten, fröhliche Erzählungen und bittere Berichte. Ich lernte an jedem Tag, obwohl ich nicht zur Schule ging. Denn Wissen setzte hauptsächlich das Stellen von Fragen voraus und das Verarbeiten von Antworten; an sich selbst oder das Gegenüber. Beides zu vereinen, verstand ich gut. Natürlich bedurfte es dazu einer gewissen Offenheit, die besonders das Vertrauen in die Männer und Frauen bei uns mit einschloss. Jedweder Gast war ein potenzieller Freund, den ich kennenlernen durfte, und wer uns wieder verließ, eine Erfahrung, die blieb. Wie gesagt, mir fehlte im Grunde nichts.
Allein auf einen Vater musste ich von jeher verzichten, wurde dafür jedoch mit einer liebvollen Mutter entschädigt. Einer Person von umwerfender Standfestigkeit und erhabener Tiefe. Einige Leute nannten sie verrückt, andere nicht ganz normal. Ich denke, aus ihrer Perspektive hatten sie vermutlich Recht; aus unserer befanden sie sich im Unrecht. Sie sah eben manchmal Dinge für die die meisten Menschen blind waren. Sie traute sich zu tun, wovor sich viele fürchteten. Ihre Logik hieß Kreativität und ihre Lebensplanung Freiheit.
Mir gefiel es bei ihr. Ich mochte dieses Leben und hasste lediglich den Gedanken, es irgendwann zu verlieren. Eventuell blicke ich aber auch verklärt auf diese Zeit zurück.

 

Objektiv gesehen hat sie mich aus meinem Bett und in die Nacht gescheucht, aus meiner Heimat und dem spärlichen Rest meiner Familie gerissen, in ein fremdes Land zu fremden Leuten verschleppt, meine Zukunft für eine unsichere Gegenwart verspielt, die Regeln willkürlich geändert und mir alles genommen, das je Bestand für mich gehabt hatte.
Ich dachte niemals so.
Sachlich betrachtet konnte ich nicht einmal nach dem Weg zum nächsten Geschäft fragen, bekam keine ordentliche Bildung vermittelt, steckte in der falschen Kultur fest, musste auf einen geregelten Alltag verzichten, hatte ein Minimum an Sozialkontakten, war permanenten Gefahren ausgesetzt und wurde in meinem Kindsein beschnitten.  
Ich empfand das niemals so.
Ohne Beschönigung war sie auf meine Kosten ihrem Egoismus und der vagen Vorstellung von einem besseren Morgen, den gefälligen Parolen einer verlorenen Generation, haltlosen Utopien, unreifen Träumereien, Ideen eines verwirrten Geistes, philosophisch-wirklichkeitsfernen Hirngespinsten, dem Zeitgeist bis an die Schmerzgrenze angepassten und gleichzeitig radikal von ihm abgesonderten Gedankengut gefolgt. 

 

Ich urteilte niemals so über sie.
Meine Mutter hat mich gelehrt, dass die Herkunft nur ein Teil des Lebensweges ist und wir ohnehin nie wirklich ankommen. Dass in etwas, das uns Angst macht, immer auch die Chance steckt, den nötigen Mut aufzubringen, um seine eigentliche Courage zu entdecken.
Was uns zunächst wie eine unüberbrückbare Distanz vorkommt, bedarf meist allein dem Willen, sich anzunähern, damit eine Verbindung daraus entsteht. Wer uns anfangs fremd erscheint, wird oft durch simples Kennenlernen zu einem Begleiter. Wo wir zu Beginn auf Argwohn treffen, verdienen wir uns mit der Bereitschaft auf unser Gegenüber zuzugehen die Offenheit anderer. Wie wir uns selbst wahrnehmen, bestimmt auf welche Weise die Welt uns betrachtet und letztendlich die Art, mit der man uns behandelt.
Es spielt also keine Rolle, ob ich eine Sprache spreche oder nicht – solange ich mich bemühe, sie zu lernen und den Dialog in der mir zur Verfügung stehenden Form suche. Ich muss die Dinge außerdem nicht zwingend bis ins letzte Detail verstehen, um sie zu akzeptieren beziehungsweise zu respektieren. Es ist nicht nötig, gänzlich mit meinem Umfeld verschmelzen, wenn ich ein Teil von ihm sein möchte. Dazu genügt es, mich in den Strom einzufügen.
Ich will nicht lügen; meine Mutter hat damals nicht exakt das gefunden, wonach sie gesucht hatte – dafür jedoch Unerwartetes entdeckt. Allem voran die folgende Erkenntnis: Selbst eine unmöglich anmutende Sache lohnt den Versuch, sie trotzdem in die Tat umzusetzen. Denn am Ende mag es dir gelingen, etwas annähernd Gleiches oder gar Besseres zu erschaffen.
Vielleicht unterstelle ich ihr aber auch zu viel Weisheit und im Grunde reagierte sie bloß mit einem Kurswechsel auf jedes Scheitern – sowie mit notgedrungenem Enthusiasmus auf verzweifelte Situationen. Unter Umständen lebte sie ihr Leben, ohne großartig darüber nachzudenken, und mein kindliches Verständnis interpretierte einen Plan in zufällige Entwicklungen.
Heute, wo ich sie zu Grabe trage, scheint mir die Antwort längst keine Rolle mehr zu spielen.

 

Daniela Herbst 20/05/2015 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.