Schnell erzählt

Es gibt Geschichten, die bedürfen eines ellenlangen Vorspanns, ehe sie überhaupt in Fahrt kommen. Andere wiederum brauchen ein ausgetüfteltes Netz an Protagonisten, Handlungssträngen und Dialogen. Manche Romane besitzen mehr Kapitel als Absätze oder füllen tausende Seiten, ohne wirklich etwas zu sagen. Und dann findet man im Gegensatz dazu Erzählungen, die in wenigen Sätzen vom Anfang zum Ende gleiten.
Diese Art von Story drängt sich in deinen Kopf, nistet Weltsich dort ein und du merkst es nicht einmal. Sie locken dich mit einem Wort, einer Szene, einem Bild und du folgst ihnen arglos in ein verschlungenes Labyrinth. Blind tappst du durch die Buchstaben, und ehe du dich versiehst, hast du dich in einem undurchdringlichen Dickicht aus Fragen und Unwirklichkeiten verheddert.

 

Der Beginn einer dieser Geschichten könnte beispielsweise so klingen:
Während dein Blick den Bildschirm hinunter wandert, wandelt sich plötzlich die Art des Textes. Er scheint direkt zu dir als Leser zu sprechen. Er sagt, dass sich die gesamte Welt verändert haben wird, bis du deine Augen wieder von dem Geschriebenen abgewendet hast.

 

Damit wäre der erste Schritt getan. Und selbst falls du es wolltest, du schaffst es nicht, dich von den harmlos wirkenden Sätzen loszureißen. Deine Neugier ist geweckt. Zumal die Erzählung schon fast ihren Kern erreicht hat, bevor du überhaupt ernsthaft mit dem Gedanken spielen kannst. Der hört sich dann vielleicht folgendermaßen an:
Die Worte entpuppen sich bald als klare Warnung. Sie sagen – nein, sie befehlen – dir, sofort die Augen zu schließen oder sie auf ein anderes Objekt zu richten. Sonst sei die Änderung, die der Welt währenddessen widerfahre, unabänderlich. Und du würdest dich eines Tages an diesen Ort und diese Zeit zurückwünschen, um das alles ungeschehen zu machen.

 

Natürlich geht es nicht unbedingt darum, dass du nicht in der Lage bist, dich abzuwenden. Du willst es vermutlich einfach nicht. Warum auch? Schließlich handelt es sich bloß um eine kleine Short Story. Sie ist erfunden. Deshalb steckt keinerlei Gefahr darin, sie zu Ende zu lesen und danach wieder in die Realität zurückzukehren. Und exakt an diesem Punkt befinden wir uns bereits. Das könnte eventuell dergestalt aussehen:
Deinen Unglauben akzeptierend, nimmt die Geschichte den Bogen zu ihrem finalen Abschluss. Sie sagt, dass es jetzt sowieso zu spät sei und die Veränderung längst stattgefunden hätte. Außerdem meint sie lapidar, dass diese Veränderung im Moment noch nicht zu sehen und spüren sei. Dass es Tage oder gar Wochen dauern kann; sie dann jedoch nicht mehr zu leugnen wäre.

 

Und? Hast du weggesehen, als du es solltest?
Denkst du, das alles ist Mumpitz? Bist du felsenfest davon überzeugt, nach dem Lesen dieses Textes die gleiche Welt vorgefunden zu haben?
Oder fragst du dich unterschwellig, ob sich eventuell nicht doch irgendetwas verändert hat? Kaum wahrnehmbar. Aus dem Augenwinkel heraus …
Ja, manche Geschichten sind schnell erzählt. Aber das heißt nicht unbedingt, dass sie auch schnell zu Ende sind.

 

Daniela Herbst 01/04/2015 No Comments

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