Scheibengeister

Sie stand draußen im Vorgarten, im Schutz der Hecken. Es war Sonntagnacht; um diese Zeit wirkte die Straße wie ausgestorben. Ab und an kreuzte ein Wagen auf dem Heimweg ihr kleines Versteck, dann drückte sie sich dichter in das Grün. Ansonsten war sie für sich allein.
Sie fröstelte und wenn sie nicht aufpasste, beschlug ihr Atem an der Scheibe. Drinnen dagegen sah es warm aus. Die beiden hatten sich auf die Couch gekuschelt. Lagen unter der Decke und schauten sich wohl einen Film an – aus ihrer momentanen Position heraus konnte sie das nicht genau erkennen. Jedenfalls schienen sie sich zu amüsieren. Sie lachten und zwischendurch wehten unverständliche Worte zu ihr herüber. Vermutlich diskutierten sie über eine Szene, die sie echt witzig und er saukomisch fand.
Sie hauchte in ihre Hände. Allmählich wurde es wirklich kalt. Sie sollte heimgehen. Heim zu ihrem neuen Freund, den Zimmerpflanzen, der aufgedrehten Heizung und dem aufgewärmten Couscous von gestern.
Warum zum Teufel stand sie stattdessen hier draußen und schielte durch das Glas? Was erhoffte sie, zu sehen?

 

Liebte sie ihn noch? Einen Wimpernschlag lang blickte sie ihrer eigenen, matten Spiegelung ins Gesicht. Nein, ihre Beziehung hatte einem Tanz am Rande des Vulkans geglichen – und immer wieder waren sie abgerutscht. Sie gehörten zu den Menschen, die um ihrer Seelenfrieden willen nicht zusammen sein sollten.
Was war es dann? Ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe grinste. Ein eisiger Schauer fuhr ihr durch die Adern und sie hätte beinahe aufgeschrien. Verdammter Mist, jetzt fing sie schon an, zu halluzinieren. Und nicht nur visuell …
»Ja, sag es mir – was erhoffst du, zu erspähen?« Die geisterhafte Erscheinung auf dem Glas rollte mit den Augen. Der Mund bewegte sich nicht, trotzdem war das Flüstern deutlich zu hören. »Suchst du Bestätigung? Nach einer Rechtfertigung für deine Entscheidung? Die Befriedigung, ihr Scheitern zu erleben? Als Beweis, dass es nicht an dir lag?«

Sie schüttelte stumm den Kopf. Ob als Antwort auf die Frage oder aus Entsetzen über ihr sprechendes Spiegelbild, wusste sie wohl selbst nicht.
»Ziehen dich deine Unzufriedenheit mit der Gegenwart und deine Angst vor der Zukunft in die Vergangenheit?« Die Stimme ihres geisterhaften Ichs verschwendete keine Zeit darauf, tatsächlich eine Antwort abzuwarten, sondern fuhr unbeirrt fort: »Schließ ab und wende dich deinem eigenen Leben zu. Lass los oder du wirst auf ewig ein Scheibengeist sein. Eins meiner blassen Kinder. Schales Abbild derer, die du hättest sein können.«
Sie fing an, zu zittern. Was meinte das Ding damit?

 

Das Licht hinter dem Fensterglas erlosch. Sie schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Hatte der Geist recht? Klammerte sie sich an die Vergangenheit? War sie unfähig loszulassen? Brachte sie ihre Unsicherheit dazu, immer wieder zurückzuschauen?
»Dreh dich um und geh fort, ohne noch einmal hinzusehen.« Die Stimme rückte auf nicht näher zu definierende Art dichter an sie heran. »Oder du gehörst mir.«

Ein Schauder lief ihr den Rücken entlang. In diesen Worten lag keine Drohung, lediglich eine unumstößliche Klarheit. Bar jeder Emotion. Er stellte sie vor die Wahl. Fast schon mechanisch öffneten sich ihre Augen, während ihre Gedanken weiterhin die Möglichkeiten abwogen.
Die beiden lagen nicht mehr auf der Couch. Das Zimmer hinter der Scheibe war leer. Dafür erkannte sie nun überdeutlich ihr eigenes Abbild auf dem Glas. Es lächelte verständnisvoll. Dann riss es den Mund auf und kam auf sie zugeschossen. Wie ein angreifendes Insekt. Ihre Sicht verschwamm. Lähmende Kälte hüllte sie ein und durchflutete ihren Körper. Sie keuchte. Zähflüssiges Eis verschmolz mit ihrer Haut. Packte sie hart. Hielt sie fest.
»Ich hatte dich gewarnt«, flüsterte die Stimme und gewann träge wieder an Kontur. »Ich sagte, du musst dich abwenden. Ich sagte, du sollst nicht hinsehen. Obwohl ich natürlich ahnte, dass du nicht widerstehen kannst.«
»Was ist mit mir passiert?«, perlte es von ihren tauben Lippen.
Sie blinzelte sich irritiert selbst ins Gesicht. Nicht dem milchigen Abbild auf Glas, sondern einem Gesicht aus Fleisch und Blut. Dahinter lag die Straße. Von dem dunklen Zimmer war keine Spur geblieben. Als würde sie jetzt aus der Fensterscheibe herausblicken und das Ding … Angst und reine Verständnislosigkeit benebelten ihren Verstand.
»Du bist nun einer meiner Scheibengeister. Gefangen in der Halbwelt hinter den Realitäten. Ein Beobachter ohne eigenes Leben«, erwidert ihr Alter Ego. Es lächelte und zuckte die Schultern. Schließlich drehte es sich um und schritt in die Dunkelheit der heraufziehenden Nacht davon. Am Ende der Büsche wandte es sich ein letztes Mal zu ihr. »Dabei hättest du ein wirklich Gutes führen können.«

 

Daniela Herbst 18/05/2016 No Comments

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