Salat ohne Dressing

Hier liegt sie in ihrem schmucklosen Bett mit der weiß-gelb gestreiften Bettwäsche. Die Augen fest geschlossen und leise, fast geräuschlos atmend. Von der Seite betrachtet sieht es aus, als würde sie schlafen. Man könnte beinahe meinen, ein Weckerklingeln müsse genügen, um sie aufwachen zu lassen. Dabei wird sie nie wieder aufwachen. Zumindest nicht in dieser Welt.
Ihr Name ist Kathi. Eigentlich Katharina, doch so nennt sie normalerweise niemand. Höchstens ihre Mutter und das lediglich an hohen Feiertagen. Denn Katharinas sind laut Kathis Meinung »groß, elegant und weltgewandt«, was schlicht und ergreifend nicht zu ihr passe.
Darüber ließe sich vermutlich streiten. Im Moment jedenfalls kommt sie mir viel eher wie eine Katharina vor. Und ich weiß, es hört sich merkwürdig an, weil sie eben nicht bloß schläft, aber sie hat wohl nie zuvor hübscher ausgesehen. Ihre ansonsten stets angespannten Gesichtsmuskeln haben sich gelockert. Sie wirkt gelöst. Und auch diese Aura des Weltschmerzes, den Frauen in ihren frühen Zwanzigern gerne mit sich herumschleppen, ist verschwunden. Dafür trägt sie ihre neu gewonnene Blässe mit einer Würde, die ich schwer beschreiben kann.

 

Jetzt da ich mir ausnahmsweise einmal die Zeit nehme, sie ausgiebiger zu betrachten, erscheint sie mir allgemein deutlich attraktiver als in meiner Erinnerung. Ihre Hüften wirken weniger breit. Ihr Haar, das in blonden Wellen über das Kissen fließt, besitzt nichts von dünnen Flusen. Und dass ich früher dachte, ihr Gesicht allein mit drei Schichten Make-up ertragen zu können, tut mir heute leid.
Rückblickend bedaure ich meine dumme, oberflächliche Einstellung. Ohne sie hätte Kathi vielleicht kurze Röcke getragen, anstatt ihre »zu dicken« Schenkel in Jeans zu verstecken. Oder sie wäre öfter schwimmen gegangen. Denke ich an all die Sommer, die ich ihr durch meine Kommentare zu ihrer mangelhaften Bikinifigur verdorben habe, werde ich traurig.
Was hat sie eigentlich als Letztes gegessen? Ich meine, bevor der Unfall passierte und ihr eine Magensonde einbrachte. Ich glaube, einen fantasielosen Salat mit Zitronensaft statt Dressing.
Der Gedanke, dass zwei, drei Pfund einmal ein derartiges Gewicht besaßen, kommt mir inzwischen verdammt absurd vor.

 

Überhaupt … worum sich Kathi immer einen Kopf gemacht hat. Dass die Wohnung sauber war, wenn ihre Eltern zu Besuch kamen. Was die Nachbarin, die sie nie im Treppenhaus grüßte, von ihr dachte. Ob ihr Fünf-Jahres-Plan für die Karriere tatsächlich aufging. Wann sich endlich ihr Singlestatus wieder änderte. Sie führte sogar eine Art Haushaltsbuch, damit sie all ihre Ausgaben penibel im Blick hatte und jeden Monat ein paar Scheine auf die Seite legen konnte.
Natürlich sind einige Dinge wichtig.
Natürlich ist es vernünftig, für die Zukunft vorzusorgen.
Aber alles im Rahmen. Bei Kati dagegen waren es schon eher Sorgen als Vorsorge. Dabei lief es gut für sie. Sie war jung und gesund, verdiente nicht schlecht, hatte mit niemandem ernsthaft Probleme, besaß einen netten Freundeskreis und eine liebvolle Familie, teilte sich eine hübsche Zweizimmerwohnung mit ihrem Kater Kipling und ging hin und wieder zu Dates.
Trotzdem fand sie stets, es sei nicht genug. Sie müsse mehr aus ihrem Leben herausholen. Schneller vorankommen. Besser zurechtkommen. Und was nicht nach Plan funktionierte, kam einer persönlichen Niederlage gleich.

 

Wie anders ich es inzwischen machen würde. Leider bleibt ihr keine Gelegenheit dazu. Es zieht mich weg von mir. Ich spüre diese unglaubliche Kraft, die mich von meinem lebendigen Ich fortträgt.
Kathi stirbt und ich verliere die Haftung.
Ich sterbe und verliere meine Substanz.
Falls es ein nächstes Leben gibt, werde ich es anders machen. Für dieses bleibt mir lediglich ein leises Bedauern. Abgeschwächt durch die Dankbarkeit für all die schönen Momente, die ich genießen, und all die Menschen, denen ich begegnen durfte. Wenn ich auch nicht alles ausschöpfen konnte, weil ich mir allzu oft selbst im Weg stand.
Ich war mal sie.
Nun ist sie ich.
Und ich verlasse diese Welt, wie ich sie vor fast dreiundzwanzig Jahren betreten habe: allein und unwissend, was mich erwartet.

 

Daniela Herbst 22/07/2017 No Comments

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