Rächer mit Zipfelmütze

Haben Sie je von der Legende der Gartenzwerge gehört? Nein? Dann zählen Sie wohl zu den Menschen, die in den kleinen Männern mit der roten Kopfbedeckung bloß unnützen Tand sehen. Plunder, der auf den Wiesen spießiger Großmütter herumsteht. Geschaffen, um versteinert Schubkarren zu schieben oder eine Harke zu halten?
Kommt das hin? Ja? Und zu allem Überfluss sind Sie vermutlich auch noch der Meinung, sie wären Gartenzwergfriedliche, freundliche, naive, harmlose und liebenswerte Zeitgenossen?
Tut mir leid, wenn ich Sie enttäuschen muss. Aber wie die Geschichte vom Weihnachtsmann fallen nette Gartenzwerge dummerweise ins Land der Mythen und Märchen. In Wahrheit wurden sie nämlich einst von ihrem Schöpfer zu etwas ganz anderem auserkoren: Sie sollten dort für Gerechtigkeit sorgen, wo die Leute nicht aus eigener Kraft für sich einstehen konnten. Als Verteidiger der Schwachen, Kämpfer der Betrogenen, Streiter der am Boden liegenden.
Klingt gut, oder?
War es nicht. Ist es nicht.

 

Denn was Sie (vergeben Sie mir das neuerliche Vorurteil) für ein possierliches Kerlchen mit Spaten und Pausbacken halten, verwandelt sich nachts in ein furchterregendes Geschöpf. Eines, dem Sie garantiert nicht begegnen möchten und das Ihnen das Blut in den Adern gefrieren lässt.
In was genau? Das vermag ich nicht zu sagen. Niemand hat je einen wandelnden Gartenzwerg gesehen und überlebt, um davon zu berichten.
Aus dem Augenwinkel hat mancher vielleicht eine Fratze wahrgenommen. Spitze winzige Zähne. Ein verzerrtes Grinsen. Lange Nägel. Oder einen grotesk entstellten Schatten. Einmal habe ich selbst … Nein, sogar bei strahlendem Sonnenschein fröstelt mich der Gedanken.
Nie würde ich einen von ihnen ausschicken.
Aber das müsste ich auch nicht. Sie folgen niemandes Befehl und lassen sich auf niemandes Bitte hin erweichen. Sie ziehen nach eigenem Ermessen hinaus. Sie vollbringen ihr schmutziges Handwerk und kehren zurück auf ihre Wiesen, als sei nichts geschehen.
Ein Gartenzwerg denkt nicht, ein Gartenzwerg vergibt nicht – ein Gartenzwerg tötet und stellt das Gleichgewicht wieder her.
Die Schwere der Schuld spielt dabei kaum eine Rolle. Ob Mord, Diebstahl oder Verrat; ihn interessiert nur die Verderbtheit der Tat.

 

Wer nun milde lächelt und den Kopf schüttelt, der sei gewarnt. Messen die Rächer mit Zipfelmütze noch so wenig an Körpergröße, ihre Kraft entspricht der eines Riesen. Außerdem kommen sie niemals allein. Ihnen entflieht kein Mensch auf Dauer und sie besiegt kein sterbliches Wesen.
Erschreckend, oder?
Doch das besonders Perfide an der Geschichte habe ich bislang verschwiegen: Wen sie im Dunkel holen; wen sie heimsuchen, quälen und meucheln – den zwingt der Fluch in ihre Mitte. So war es vom Schöpfer einst vorgesehen; damit derjenige, der in dieser Welt Ungerechtigkeit streut, sie in der nächsten wieder aufkehren kann.
Es lohnt sich also in mehrfacher Hinsicht, den Anstand zu wahren und seinen Mitmenschen mit Respekt zu begegnen. So lautet die Legende von den Gartenzwergen. So hat man sie mir erzählt, so wurde sie bewahrt und so erzähle ich sie weiter.

 

Daniela Herbst 30/01/2014 No Comments

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