Nutzlosigkeiten

Hallo. Mein Name ist Theresa. Ich finde es wichtig, sich vorzustellen, bevor man mit der Tür ins Haus fällt. Ich bin Mitte zwanzig, arbeite in einem relativ gewöhnlichen Beruf und lebe in einer noch gewöhnlicheren Wohnung. Den Großteil meiner Freizeit verbringe ich mit einem ganz und gar gewöhnlichen Freund. Er arbeitet in einer Werkstatt. Das wären gleich zwei Dinge, von denen mir jegliche Ahnung fehlt – Männer und Autos.
Wobei ich witzigerweise über keines von beiden sprechen möchte. Warum erzähle ich es dann? Vermutlich plagt mich weiterhin die Angst, unhöflich zu wirken, aber eigentlich genügt das als Einleitung. Ich denke, ich komme jetzt zum Punkt: Ich besitze Superkräfte.
Klingt ziemlich cool, hm? Ist es nicht. Nein überhaupt nicht. Es ist sogar verdammt ärgerlich, denn ich kann mit meiner Gabe (wenn man sie so nennen will) exakt Null Komma nichts anfangen. Und das liegt nicht daran, dass sie unnütz wäre. Oder zu schwach. Oder zu stark. Oder gefährlich. Oder schwer zu kontrollieren. Oder negativ.
Das absolute Gegenteil trifft zu. Sie ist im Grunde das Beste, was der Menschheit je passieren könnte. Trotzdem habe ich sie noch kein einziges Mal eingesetzt.

 

Natürlich stellt dabei sofort die Frage nach dem Warum. Leider lässt sich die nicht ganz so leicht beantworten. Zumindest nicht, soweit man die Gabe nicht kennt. Das verhält sich ähnlich wie bei meinem Freund. Wenn man nichts über seine Legasthenie und seine schwere Kindheit weiß, würde man ihn für einen Ignoranten halten, der in seinem Leben nie mehr als das Telefonbuch gelesen hat. Und das höchstens in Auszügen.
Jedenfalls mache ich mir Sorgen. Ich meine wegen meiner Gabe. Wegen meines Freundes irgendwo auch, doch das ist ein anderes Thema. Ich bin mir einfach nicht sicher, ob es tatsächlich klug und sinnvoll wäre, sie zu benutzen. Schließlich muss man eines bedenken – einmal eingesetzt, lässt sich ihre Wirkung nicht umkehren oder aufheben. Das liegt schlicht an der Beschaffenheit ihrer Natur.
In Ordnung, über den Punkt der Unhöflichkeit sind wir längst hinaus; und vermutlich halten mich ohnehin bereits die meisten für verrückt. Also kann ich genauso gut endlich mit der Sprache herausrücken. Nun denn …

 

Ich besitze die Fähigkeit, mittels mentaler Konzentration innerhalb einer Minute sämtliche Probleme dieser Welt auf einmal in Luft aufzulösen. Das ist mein voller Ernst und mit »sämtliche« meine ich wortwörtlich »alle«. Krieg, Krankheit, Umweltverschmutzung, das Artensterben, Armut, Verbrechen. Selbst die kleinen Dinge wie Neid, Eifersucht und den Streit um die Fernbedienung.
Hört sich perfekt an, nicht? Bis man darüber nachdenkt. Was nämlich sollen wir Menschen aller Probleme entledigt tun? Klar, mit dem Frieden könnten wir schätzungsweise schon umgehen. Oder mit einer gerechten Verteilung der Güter. Aber wären alle Probleme dahin, hieße das ja automatisch, dass jeder rundum zufrieden ist. Doch bildet Unzufriedenheit nicht den Motor für Veränderung und Weiterentwicklung? Zwei elementare Säulen des Seins. Und wenn wir uns nicht bewegen, verändern und weiterentwickeln, was geschieht dann am Ende mit uns? Vielleicht etwas Gutes. Vielleicht etwas Schreckliches. Vielleicht …
Nein, das Risiko ist mir zu groß. Deshalb werde ich meine Gabe nicht einsetzen. Ärgerlich und irgendwie sehr schade, indes muss ich an das Wohl der Welt denken.

 

Daniela Herbst 08/07/2016 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.