Nur eine Lektion

Völlig außer Atem stolperte Bernd Strasser in seine Wohnung. Er zitterte am ganzen Körper und seine Brust krampfte sich eng zusammen. Einen Moment fürchtete er fast, einen Herzinfarkt zu bekommen. Ein Gedanke, der bei seinen knapp sechzig Jahren durchaus angebracht war. Aber nein, diesen Gefallen wollte ihm das Schicksal nicht tun.
„Verdammt. Verdammt. Verdammt.“
Schweißperlen standen ihm auf der Stirn und er tigerte nervös den Flur entlang.
Wie hatte das passieren können? Was sollte er jetzt tun? Wen konnte er verständigen?
Mindestens zwei Fragen, auf die Bernd Strasser im Moment keine Antwort einfiel. Seine Gedanken überschlugen sich, während er zwischen Telefon und Küche hin und her pendelte. Es kam ihm vor, als würde er versuchen aus einem Albtraum aufzuwachen, aber dort gnadenlos festhängen. Unmöglich in dieser Situation wichtige Entscheidungen zu treffen.
Sein Puls raste.
„Bitte nicht. Gott …“

Mit den Händen stützte er sich an der Mauer ab und starrte in den Spiegel unterhalb der Hutablage. Sein Gesicht wirkte eingefallen. Schlagartig um bestimmt zehn Jahre gealtert. Tränen liefen ihm unkontrolliert über die faltige Haut. Abwesend berührte er die feuchten Stellen und stöhnte unwillkürlich. Sich selbst weinen zu sehen, war vielleicht am befremdlichsten. Er griff nach einem Taschentuch und schüttelte stumm den Kopf. Wie ein altes Weib zu flennen gehörte eigentlich nicht zu seinen Gewohnheiten.
„Es tut mir leid. Es tut mir so leid“, ließ er den leeren Flur wissen und schlug mit der flachen Hand auf die Raufasertapete.
Er hatte diesem Wichtigtuer doch bloß eine Lektion erteilen wollen. Ihm einen Denkzettel für sein schlechtes Benehmen verpassen. Immerhin triezte ihn dieser Wilmersdorf schon, seit er vor acht Monaten hier eingezogen war. Das durfte er sich schlichtweg nicht gefallen lassen. Dem Hausmeister gegenüber zeigte man ein bisschen Respekt und Manieren.
Strasser schluckte.
Im Nachhinein erschien ihm das Ganze banal. Fast lächerlich. Musste er tatsächlich jedes Mal einen Aufstand veranstalten, nur weil Wilmersdorf mit dreckigen Schuhen durchs frisch gewienerte Treppenhaus stolzierte? Grenzte es nicht an Paranoia ihm Absicht zu unterstellen? Gab es keinen friedlichen Weg, den Streit aus dem Weg zu räumen? Der Kerl war gerade siebenundzwanzig oder achtundzwanzig. Grün mit Eierschalen hinter den Ohren. Junge Leute wie er sahen die Welt in der Regel mit anderen Augen.
Außer sie lagen tot auf den Steinfließen …

Beim Gedanken an Wilmersdorfs verdrehten Hals wurde ihm schlecht.
Drei Schichten Bohnerwachs vor dessen Wohnungstür hätten ihn einfach auf kreative Weise ausbremsen sollen. Nichts weiter. Kein gebrochenes Genick. Keine Katastrophe. Keine unbeabsichtigte Straftat, die ihm den Feierabend versaute und das Gewissen belastete.
Im schlimmsten Szenario, das sich Bernd Strasser in seinem Kämmerlein ausgemalt hatte, hockte sein Lieblingsstörenfried traurig auf dem Hintern und glotzte dumm aus der Wäsche.
Blaue Flecke. Ein verstauchter Knöchel. Angekratzter Stolz. Punkt. Dass der Bursche allerdings derart unglücklich stürzen könnte, dass er nicht wieder aufstand … nein, das wäre ihm niemals in den Sinn gekommen.
Und jetzt?
Ob die Polizei das als Unfall einschätzte? Oder als fahrlässige Tötung?
Eventuell sogar als Mord?
Unwahrscheinlich. Trotzdem hatte Bernd Strasser wenig Lust, es herauszufinden. Er war neunundfünfzig Jahre alt und zeitlebens Hausmeister gewesen. Den Rest seiner Tage würde er garantiert nicht in einer Gefängniszelle verbringen. Entschlossen strich er den Staubmantel glatt und griff zum Telefonhörer.
„Hallo? Notruf? Ja, ich wohne Tannhäuser Allee Nummer 47. Ich glaube, ich rieche im Treppenhaus Gas.“
Ohne seinen Namen oder weitere Details zu nennen, legte er auf. Dann schnappte er sich die Kellerschlüssel, die blaue Rohrzange und ein billiges Einwegfeuerzeug. Nein, das Weinerliche passte nicht zu ihm. Er war kein Bückling; sondern ein Mann der Tat. Zeit sich auf diese Tugenden zu besinnen.

 

Daniela Herbst 28/11/2013 No Comments

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