Neue Zeiten

Irgendwo an einem kalten ungemütlichen Ort …

»Name?«
»Marterimäus.«
»Alter?«
»3709 Jahre.«
Fast ungesehen huschte der jungen Dame im roten Hosenanzug ein Lächeln über die Lippen. Marterimäus freilich bemerkte es sofort und spürte ein leichtes nichtsdestotrotz recht unangenehmes Ziehen in der Magengegend.
Er wusste, dass er spätestens seit der Eroberung Jerusalems zum verrosteten Eisen gehörte. Es im Gesicht anderer zu lesen, tat dennoch weh.

»Und Sie sind hier, weil ich Ihnen eine neue Aufgabe zuteilen soll?«
»Ja bitte.«
»Was haben Sie bisher so gemacht, wenn ich fragen darf?«
»Nun …« Marterimäus atmete tief durch die Nase ein. Weniger aus Notwendigkeit, als vielmehr, um etwas Zeit zu schinden. Schließlich beugte er sich betont bedeutungsschwer vor und sagte: »Ich war bislang im assoziativen Sektor mit Fokus auf Neuakquise zuständig.«
Die Frau blätterte in ihren Unterlagen. Auf ihrer Stirn bildeten sich Falten und ihre beiden Hörnchen funkelten unstet auf. Nach einer Weile schob sie das Sammelsurium an Ordnern beiseite und sah ihn fragend an.
»Sie müssen unter P nachsehen. P wie Pakte.«

Der Hosenanzug gehorchte, zog den entsprechenden Schnellhefter aus dem Stapel und schien bereits nach Kurzem den gesuchten Eintrag gefunden zu haben. Jedenfalls glitt ihr Finger mit dem krallenartigen Nagel geräuschvoll über das Pergament. Die Schrift in der Mitte der aufgeschlagenen Seite begann bei ihrer Berührung, zu glühen.
»Sie waren für das Beschaffen von Seelen zuständig.« Sie legte den Kopf schief. »Und das scheinbar recht erfolgreich.«
»Ich war nicht schlecht …«, räumte er geschmeichelt ein.
»Sie haben diesen Kerl mit der Geige kassiert.«
»Ja.«
»Und diesen Schauspieler, der dauernd seinen nackten Arsch in die Kamera hält.«
»Stimmt.«
»Diesen Sänger mit den obszönen Texten?«
»Richtig.«
»Und Hit…«
»Hach ja, der behauptet heute noch, das Ganze wäre ein Missverständnis gewesen.«
»Ihr Name kam mir gleich so bekannt vor. Sie sind eine kleine Berühmtheit bei uns, wissen Sie das?«, flüsterte sie errötend. »Dass ich Sie mal persönlich kennenlernen darf …«
»Danke.«
»Und Sie wollen wirklich aufhören?« Als würde sie sich erst jetzt wieder an ihre eigentliche Aufgabe erinnern, trommelte sie mit ihrem Füllfederhalter auf den Unterlagen herum. »Das fände ich verdammt schade.«
»Ich werde doch ohnehin nicht mehr gebraucht«, seufzte Marterimäus. »Zumindest nicht wie früher.«
»Sehen Sie das nicht etwas zu pessimistisch?«
»Ich fürchte nein.«
»Aber …«

»Wissen Sie, mein Kind«, unterbrach er sie sanft und schaute in die Flammen hinter ihrem Stuhl. »Als Dämon Menschen zu verführen war eigentlich immer relativ leicht.« Seine Unterlippe zitterte. »Es gab zu allen Zeiten Krieger, die herrschen wollten. Reiche Leute, die sich reicher sehnten. Abenteurer und Künstler, die nach Ruhm strebten. Verschmähte Liebende, glücklose Wissenschaftler – und dann natürlich noch die völligen Irren.« Seine Hand massierte den breiten Kiefer. »Trotzdem blieb da stets ein Rest Herausforderung. Dieser Kick. Die Frage, ob mir der Handel am Ende tatsächlich gelingen sollte. Sie verstehen?«
Die Dame in Rot nickte.
»Heutzutage allerdings …« er schluckte hart. »Ich weiß nicht, die Sache hat irgendwie ihren Reiz verloren. Keiner nimmt mich mehr wirklich ernst. Geschweige denn meinen Job.«
»Was ist passiert?«
»Mein Assistenzdämon hat mir gestern eine Fanseite bei Facebook eingerichtet.« Er blickte betreten zu Boden. »Marterimäus – Dämon, Seelenräuber, Profiverführer.«
»Und?«
»1756 Gefällt-mir-Angaben innerhalb der ersten zwei Stunden.«

 

Daniela Herbst 06/08/2013 No Comments

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