Nehmen ist seliger

Das Abendlicht spiegelte sich auf dem Wasser und bei jeder Bewegung, die das kleine Boot machte, tanzte es auf den Wellen. Minutenlang beobachtete Sanne das Treiben, ohne sich zu rühren.
Um diese Zeit war der See wie ausgestorben und sie genoss die Ruhe inmitten der friedlichen Landschaft. Besonders aber genoss sie den Gedanken, dass niemand ahnte, was sie hier trieb.

Mit einem Grinsen öffnete sie ihren Rucksack und fischte eine lange Perlenkette mit Silberverschluss aus dem Sammelsurium. Das geschmacklose Ding gehörte ihrer Nachbarin. Nein, sie hatte ihr gehört – bevor Sanne ihre Tür mit der Scheckkarte aufgehebelt und sie aus der schicken, großen Schmuckschachtel unter dem Bett entwendet hatte.
»Das ist dafür, dass Sie mich immer bei der Hausverwaltung anschwärzen.«
Genüsslich hielt sie das Schmuckstück in die Höhe und drehte es ein paar Mal hin und her. Dann ließ sie es sanft aus der Hand gleiten. Es plumpste neben den Rand des Boots, sank wie ein Stein und verschwand schließlich in den dunkleren Wasserschichten.

 

»Was nun?«
Erneut kramte sie in ihrem Rucksack und zog nach einigem Grübeln ein schwarzes Notizbuch heraus. Herr Winklers heiliger Terminplaner, zu dem er vermutlich eine stärkere Bindung besaß als zu irgendeinem menschlichen Wesen. Zumindest bedeutete es ihm eindeutig mehr als Fairness unter Kollegen.
»Das ist dafür, dass Sie meine Idee geklaut und mich um meine Gehaltserhöhung gebracht haben.«
Sie riss ein Bündel Seiten aus dem Hefter und schleuderte sie von sich. Der künstliche Kolibrischwarm flatterte durch die Luft. Zwei Sekunden später landeten die Blätter auf den Wellen, sogen sich voll und gingen behäbig unter.
»Langweilig …«
Etwas enttäuscht warf sie die Reste des Notizbuchs hinterher und widmete sich wieder dem Inhalt ihres Rucksacks.
»Armbanduhr … nein … Goldohrringe … Autoschlüssel … ja …«
Triumphierend hielt sie eine braune Geldbörse in die Höhe. Echtes Rindsleder von diesem Designer, dessen Namen sie sich nicht merken konnte, den ihre Schwester aber stets mit der letzte Schrei betitelte.

 

»Das ist dafür, dass du mir dauernd unter die Nase reibst, was für eine Versagerin ich angeblich bin.«
Die Rindslederbörse wechselte im Licht der untergehenden Sonne von Braun zu Burgunderrot – und als Nächstes zu undefinierbarem Dunkel, als sie auf die Wasseroberfläche klatschte und sich anschickte, ihren Vorgängern am Grund des Sees Gesellschaft zu leisten.
»Ah, ein herrlicher Tag!«
Sanne lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sie wollte diesen Moment richtig auskosten. Noch vier bis fünf Gegenstände, und ihr Werk war für heute vollbracht. Das stimmte sie immer leicht melancholisch.
Aber es würde ja sicher nicht ihr letzter Besuch am See sein. Sie hatte noch mit so einigen Leuten ein Hühnchen zu rupfen. Zum Beispiel mit dem unhöflichen Kerl vom Videoverleih …
Was sie ihm wohl nehmen sollte? Die schicke Jacke? Sein Smartphone, das ihn davon ablenkte, seine Kunden ordentlich zu bedienen? Seinen Inhalator? Hm, das erschien ihr doch ein wenig zu radikal. Eine Lehre wäre es ihm allerdings garantiert …
     

 

          Kleincrime Ein Kurzkrimi aus meinem eBook
          »KleinCrime – Extended Version«
          Erhältlich bei Amazon
          Link im Bild … schaut gern mal rein 

 

 

Daniela Herbst 11/04/2014 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.