Nach der Sache

»Der Hund sieht irgendwie komisch aus …«
»Das ist kein Hund.« Gerthie schüttelte den Kopf über die Unwissenheit ihrer Mutter und tippte mit ihrem kleinen Zeigefinger auf das Schildchen vor dem Schaukasten. »Das ist ein Wombat.«
»Ein Wom…«, hilfesuchend schielte Cosa zu ihrem Mann, doch der schien das Wort heute auch zum ersten Mal zu hören. Jedenfalls zuckte er nur mit den Schultern und lächelte sie schief an.
»Wombat«, verkündete Gerthie und räusperte sich. Dann verlas sie den Text: »Der Wombat gehörte zu den Beuteltieren beziehungsweise Beutelsäugern. Ursprünglich in Australien beheimatet, lebte das eher nachtaktive Tier in Höhlen, das es in die Erde grub. Der Wombat zählte zu den Pflanzenfressern und hatte mit einer Körperlänge von bis zu einem Meter zwanzig abgesehen vom Dingo kaum natürliche Feinde.«
Erneut tauschten Cosa und ihr Mann Blicke. Ihre Tochter war inzwischen vier – und verdammt wissbegierig. Besonders seit sie lesen konnte. Gerthies IQ betrug aktuell 156 und würde wohl irgendwann die 197 erreichen. Nicht ungewöhnlich für die dritte Generation danach. Für Eltern aus der ersten Generation danach leider ein bisschen schwierig, da ihre geistigen Fähigkeiten durch die Sache genetisch abgenommen hatten. Die zweite Generation danach schlug sich wiederum mit ihren eigenen Problemen herum.

 

»Mama?«
»Ja, Schatz?« Irgendwie fürchtete Cosa bereits die Frage, denn sie war schon beinahe sicher, die Antwort nicht zu kennen.
»Was ist Australien?«
Sie atmete erleichtert auf. Insgeheim hatte sie befürchtet, Gerthie könnte sich für den Dingo interessieren. Da hätte sie blind zwischen fleischfressender Pflanze und Wildkatze raten müssen. Australien kannte sie aus dem Geschichtsunterricht. Das einzige Fach neben Bioarchäologie, in dem sie je gut gewesen war.
»Australien war ein Kontinent.« Erfreut nahm Cosa zu Kenntnis, dass ihre Tochter geradezu an ihren Lippen hing und große Augen bekam. Ein seltener Moment. »Er wurde bei der Sache durch ein gewaltiges Seebeben zerstört.«
»So wie Asien?«
»Ähm …«
»Und Europa?«
»Ich …«
Ihr Mann traf keine Anstalten, ihr in irgendeiner Form zu helfen. Nun, was konnte sie von einem greisen Kerl wie ihm auch erwarten? Mit seinen zweiundvierzig hatte er Glück, noch aufrecht gehen und seinen Namen buchstabieren zu können. Dass er ihr in seinem fortgeschrittenen Alter ein Kind beschert hatte, grenzte sogar fast an ein Wunder. Zumal sie mit ihren achtundzwanzig obendrein zu den Spätempfangenden zählte.
»Und Amerika? Warum gibt es Amerika nicht mehr?«
»Schatz, frag das am besten morgen deine Lehrerin.«
»Gut, mach ich«, murmelte Gerthie und man hörte die Enttäuschung in ihrer Stimme.
»Tut mir leid.« Zärtlich strich Cosa ihrer Tochter über den kahlen Kopf. Eine weitere Besonderheit der dritten Generation danach, die etwas gewöhnungsbedürftig war.
»Nicht schlimm«, log das Mädchen und drückte sich an seine Mutter.

 

Sie machten sich aus den Erinnerungshallen langsam wieder auf den Nachhauseweg. Es war spät geworden und Gerthie sollte längst im Bett liegen. Zwar brauchte sie nur knapp fünf Stunden Schlaf, doch würde sie daheim garantiert tausend Fragen stellen, ehe sie überhaupt daran dachte, ihren Pyjama anzuziehen. Dafür hatten sie heute viel zu viel gesehen, gelesen und erlebt. Und anständig zu Abend essen musste sie vorher auch.
Seufzend trottete Cosa mit Gerthie an der Hand und ihrem schweigsamen Mann an der Seite zu den Wohnarealen. Der künstliche Himmel über ihnen glitt in die Abenddämmerung. Um diese Zeit wirkte die Zuflucht richtig friedlich. Anders als an geschäftigen Tagen, wenn die rund dreihundert Menschen, die hier lebten hektisch durcheinander wuselten.
»Mama?«
»Ja, Schatz?«
»Stimmt es, dass Menschen früher draußen sein konnten?«
»Du meinst, außerhalb der Zuflucht?«
Gerthie nickte eifrig.
»Ja, so sagt man.« Liebevoll küsste Cosa ihre Tochter auf die Stirn. Dabei spürte sie schier die Fragen, die dahinter lauerten. Fragen, auf die sie die Antwort nicht kannte. Fragen, die ihr Angst machten. Fragen, die vielleicht ihr Weltbild auf den Kopf stellen würden.
»Ich hab Hunger, Mama.«
»Dann komm, Schatz.«
Das einzig Beruhigende war, dass es zumindest eine Frage gab, auf die sie die Antwort nicht kennen musste. Nämlich auf die, was »diese Sache« eigentlich war. Die Sache, die ihre Zeitrechnung und ihr Leben bestimmte. Die den Wombat und Australien ausgelöscht hatte. Weil niemand die Antwort darauf wusste. Wozu auch? Das Wissen um schlimme Dinge verdarb einem nur den Appetit.    

 

Daniela Herbst 22/11/2016 No Comments

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