Mord mit Klasse

Als Richard der Küche den Rücken kehrte und wieder den Gastraum betrat, konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen. Der muntere Haufen, der sich dort auf drei große Tische verteilte, erinnerte ihn an eine Schafherde. Nichts ahnende Blöktiere, die sich in Gruppen zusammenrotteten und schwatzten.
Es war jetzt kurz vor sieben Uhr. Zufrieden schob er die Hand in seine Jackentasche und ließ das Fläschchen zwischen den Fingern kreisen. Bald würden sie für immer schweigen.

 

»Richard? Was hast du noch gleich studiert?« Katrins schrille Stimme schleuderte ihn aus seinen Gedanken.
»Pharmazie«, murmelte er und drängte sich an ihrem Tisch vorbei. Eine Wolke billigen Parfums malträtierte seine Nase. Sie hatte sich überhaupt nicht verändert –­ oberflächlich, eitel, zu stark geschminkt. Kein Wunder, dass bei derart viel Haarspray das Erinnerungsvermögen litt.
»Auf die guten alten Zeiten!« Aus der hinteren Ecke des Lokals hallte Florians dumpfer Bariton zu ihm herüber. Ein Glas Rotwein schoss in die Höhe und mindestens ein Dutzend weitere folgten seinem Beispiel. Gelangweilt mustere Richard das Gläsermeer. Sein Blick verdüsterte sich.

 

Die guten alten Zeiten … Für ihn hatten sie einsame Gänge auf dem Pausenhof bedeutet. Gelächter, wenn er mit seinen kurzen Beinen die Sporthalle betrat. Spott und Sprüche bei jedem Referat, das er verschwitzt abstotterte. Peinlichkeiten, Häme …
Gott, er hoffte, dass die Kellner endlich mit der Suppe aufmarschierten. Dieses Klassentreffen förderte doch einige Altlasten ans Tageslicht; und das konnte er gerade wahrlich nicht gebrauchen.
Minestrone gewürzt mit Rache stand heute auf der Speisekarte. Allein darauf wollte er sich konzentrieren.
»Richard!« Eine Hand berührte ihn am Arm. »Setz dich zu mir. Wir haben uns den ganzen Abend noch nicht unterhalten.«
Fahrig blinzelte er in Sandras grüne Augen. Sie hatte sich ziemlich verändert. Statt ihrer Brille trug sie nun offenbar Kontaktlinsen. Die Zahnspange war gewichen und ihr Gesicht erstrahlte rosig und pickelfrei. Man konnte sie jetzt direkt hübsch nennen.

 

»Sandra. Wie geht es dir?« Langsam glitt er auf den Stuhl neben ihr.
»Prima. Und dir? Ich habe gehört, du bist Apotheker geworden? Überrascht mich nicht, du hattest damals schon ein Faible für Chemie.«
Er lächelte. »Das weißt du noch?«
»Sicher.« Ihre Wangen färbten sich rot. »Schließlich war ich ziemlich verknallt in dich.«
»Wirklich?« Verblüfft zog er die Brauen hoch und rückte etwas zur Seite, damit der Kellner seinen Suppenteller an ihm vorbeibalancieren konnte.
»Hm. Ja. Aber du hast mich nicht beachtet.«
Ohne den Blick von ihr zu wenden, griff er nach dem Löffel und füllte seinen Mund mit dampfender Minestrone.
»Ich bin übrigens Single …«
Bei dieser Offenbarung dachte er nicht mehr an Rache. Nicht mehr an Altlasten oder seine miese Schulzeit. Und nicht mehr an das Gift, das sich aus seinem Fläschchen in die Suppe ergossen hatte.

 

Daniela Herbst 07/06/2013 No Comments

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