Moral und Geschicht

Es war einmal eine Familie, die wollte sich von einigen Dingen trennen. Ein paar Kleinmöbel, Bücher, ordentlich erhaltene Kleidungsstücke, Nippes und mehr. Allessamt kein Schrott, aber auch nichts von wirklichem Wert.
Es lohnte sich entsprechend kaum, mit den Sachen zum Flohmarkt zu laufen oder sie online zum Kauf anzubieten. Der Aufwand wäre höher gewesen als der Gewinn. Verschenken wollte die Familie ihr Hab und Gut jedoch ebenfalls nicht. In drei Wochen stand ein Urlaub an und man konnte eine zusätzliche Finanzspritze durchaus gebrauchen.
Also beschlossen sie, auf den Anstand der Leute zu vertrauen. Sie stellten ihre Sachen auf die Straße und drapierten davor ein Schild, unter dem sie wiederum eine Spardose platzierten. Auf das Schild schrieben sie: Jeder kann mitnehmen, was er möchte, und dafür geben, was er richtig findet.

Nachdem die Familie mit ihrer Arbeit fertig war, verteilte sie sich im Haus; und Eltern wie Kinder gingen ihren üblichen Beschäftigungen nach. Die Neugier trieb sie allerdings regelmäßig ans Fenster. Und tatsächlich schien ihr Plan aufzugehen. Bereits nach wenigen Minuten kam eine Frau, der offenbar eine ausrangierte Vase besonders gefiel. Sie drehte das Stück, prüfte es auf Risse, nahm zwei Euro aus der Hosentasche, steckte das Geld in die Spardose und zog lächelnd ihrer Wege.
KisteEine knappe halbe Stunde darauf tat es ihr ein junger Mann gleich. Er durchsuchte einen Karton mit Büchern, beförderte fünf davon ans Tageslicht und fütterte die Spardose diesmal sogar mit einem kleinen grünen Schein. Später erschienen ein Pärchen, das zehn Euro für einen Wohnzimmertisch daließ, und ein älterer Herr, der einen Euro für ein Kartenspiel opferte.
Zufrieden beobachtet die Familie das Kommen und Gehen, das ihre Urlaubskasse aufbesserte. Ein tolles Erlebnis. Dass ihr Vertrauen auf den Anstand der Leute solche Früchte trug, hätten sie nämlich beileibe nicht erwartet.

Der Tag ging allmählich zur Neige. Die Familie beschloss, ihr Schild nun zu entfernen. Der Rest der Sachen würde vermutlich eh nur noch den Sperrmüll interessieren. Gemeinsam freuten sie sich darauf, ihre Beute zu zählen und sich auszumalen, welche schönen Dinge sie damit in ihrem Urlaub machen konnten.
Als sie aber die Stelle erreichten, an der ihre Spardose hätte stehen sollen, sahen sie nichts weiter als einen gefalteten weißen Zettel und einen Stein, der ihn beschwerte. Offenbar hatte sie jemand gestohlen. Und eine Nachricht hinterlassen. Äußerst seltsam.
Vorsichtig öffneten die Eltern das Blatt und lasen halblaut die dort niedergeschriebene Botschaft: Jeder kann mitnehmen, was er möchte, und dafür geben, was er richtig findet. Tja, ich wollte eure Spardose und finde es richtig, euch dafür einen Rat zu geben: Es spricht nichts gegen ein gewisses Vertrauen in seine Mitmenschen, übertreibt es jedoch nicht. 
So endete der Tag für die Familie in einer unschönen Erkenntnis.
Und die Moral von der Geschicht? Hundert sind ehrlich und ein Arsch ist´s nicht.

 

Daniela Herbst 29/08/2013 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.