Monty

Monty war schon alt gewesen, als die Liebenbaums ihn seinerzeit aus dem Tierheim geholt hatten. Ein magerer, grauer Perserkater mit einem weißen Fleck auf der Nase, verbogenen Schnurrhaaren und dezentem Mundgeruch. So hatte er vor rund acht Jahren Quartier bei ihnen bezogen. Mittlerweile wäre sogar der Spitzname Methusalem noch ein Kompliment für ihn. Neben ein paar anderen Gebrechen fehlte ihm die Mehrzahl seiner Zähne, sein Fell stand in wirren Strähnen vom Körper ab und er war auf dem linken Ohr taub – auf beiden, wenn von ihm verlangt wurde, sich von der Couch zu trollen. Der Mundgeruch war geblieben, aber längst nicht mehr dezent.
Die letzte Zeit hatte er überwiegend im Liegen und innerhalb der Grenzen von Haus und Garten zugebracht. Seit einigen Wochen jedoch beobachteten die Liebenbaums, wie Monty jeden Abend durch ein Loch im Zaun schlüpfte, im nahen Park verschwand und bis zum nächsten Morgen verschollen blieb.



Obwohl ihnen sein Verhalten anfangs merkwürdig vorkam, dachten sie sich bald kaum noch etwas dabei. Sie freuten sich einfach, dass ihr Kater sich mehr bewegte. So vergingen rund drei Monate, in denen Monty nach dem abendlichen Diner aufbrach und erst zum Frühstück zurückkehrte. Bis er eines Morgens plötzlich nicht wie sonst üblich vor seinem Napf saß und lautstark sein Futter einforderte. Den ganzen Tag lang kam er nicht wieder und auch nicht am darauffolgenden.
Natürlich suchten die Liebenbaums besorgt nach Monty. Doch als er den dritten Tag hintereinander verschwunden blieb, keimte in ihnen der Gedanke auf, dass der alte Perserkater sie vielleicht endgültig verlassen hatte. Dass er hinausgezogen war, um dort draußen ein geeignetes Plätzchen zum Sterben zu finden.
Reif wurde der Gedanke indes nicht, denn zu Beginn des vierten Tages schob sich überraschend Montys verstrubbelter Kopf durch das Loch im Zaun. Mit einer Selbstverständlichkeit, die allein Katzen zustande brachten, stolzierte er quer über den Rasen, passierte die Terrassentür und marschierte hinein ins Wohnzimmer der Liebenbaums. In seinem Windschatten eine schwarz-weiße Katzendame und fünf tapsige Kätzchen.
Tja, so konnte man sich irren … Und die Moral von der Geschicht´: Zu alt sein, gibt es nicht. Oder: Perserkater müsste man sein!

 

Daniela Herbst 08/10/2015 No Comments

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