Mona Pedankan

Apathisch saß Mona Pedankan in ihrer kleinen Küche und rührte den Kaffee in ihrer blau gestreiften Tasse zu Tode. Sie war traurig. Nein, das Wort traf es nicht. Frustriert passte besser. Resigniert. Enttäuscht. Sie feierte heute ihren fünfundvierzigsten Geburtstag. Dabei hatte sie all die Jahre zuvor inständig gehofft, diesen nie erleben zu müssen.
Nicht, dass Mona hatte vorher sterben wollen. Ganz im Gegenteil. In ihrer Vorstellung entging sie dem Alter eher durch so etwas wie einen ihr zugetanen Vampir, Geist oder Gestaltwandler. Nun, vorzugsweise war es immer ein Vampir gewesen. Jedenfalls verliebte sich in ihren Träumen ein Unsterblicher unsterblich in sie und legte ihr die Ewigkeit zu Füßen.
Ein bescheidener Wunsch, wie sie fand.

 

FensterIn ihren frühen Zwanzigern wartete sie deshalb Abend für Abend geduldig am offenen Fenster, bis sie müde wurde und wieder einen Tag abhaken musste. Aber kein Problem. Das Schicksal brauchte seine Zeit – das wusste sie. Am Ende ihrer Zwanziger bis etwa in die Mitte ihrer Dreißiger wartete sie bereits weniger geduldig, doch sie wartete. Allerdings hörte sie langsam ihre Uhr ticken. In ihrem Takt verblassten ihre Jugend und ihre Aussichten, dass der Traum sich noch erfüllte. Denn selbst wenn der Unsterbliche auftauchen sollte – ob er sich in eine alternde Mona Pedankan verlieben könnte? Sobald sie schließlich stramm auf die vierzig zuging, begann sie sogar an seinem Auftauchen zu zweifeln.
Und so setzte sie sich ein Limit. Falls er bis zum Morgen ihres fünfundvierzigsten Geburtstages nicht an ihrem Fenster erschien, so würde sie ihre Vorstellungen begraben und sich mit ihrem langweiligen, banalen Leben sowie ihrer Sterblichkeit abfinden.  

 

Als es an der Tür klingelte, erhob sich Mona langsam und schlurfte durch den Flur. Sie hatte keine Lust zu öffnen, wusste sie doch längst, wer draußen stand. Sie tat es trotzdem. Fluch einer guten Kinderstube!
»Happy birthday!«, kam es ihr da schon entgegengeschollen und ihre Freunde drängten in die Wohnung. »Alles Liebe zum Geburtstag!« Zwölf Leute samt Torte verteilten sich auf den knapp sechzig Quadratmetern.
»Danke«, murmelte sie und trottete hinterher. Mitten im Schritt klingelte es erneut.
Diesmal war es Ben, der ihr ein kleines Päckchen in die Hand sowie einen Kuss auf den Mund drückte. Er hatte anscheinend extra einen Zug früher genommen, um rechtzeitig bei ihr zu sein. Wie aufmerksam von ihm. Heute Nacht würde sie wohl ihr Spitzen-Negligé aus dem Schrank holen müssen.

 

Wenig später saß Mona Pedankan wieder in ihrer Küche und rührte mit dem Löffel durch eine Tasse Kaffee. Dabei blickte sie sich um und erkannte, wie reich ihr Leben im Grunde war. Sie hatte einen Job, der ihr einigermaßen Spaß machte, einen liebevollen Partner, eine hübsche Wohnung, gute Freunde und eine herzliche Familie. Ja, als sie sich umblickte, wurde ihr klar, dass sie eigentlich dankbar und zufrieden sein sollte.
Aber sie war es nicht.
Nein, trotz all dem fühlte sie sich um etwas betrogen.
Und derweil dieses Gefühl in ihr aufwallte, beschloss sie, ihre Galgenfrist um ein paar Jahre zu verlängern. Bis fünfzig vielleicht. Oder fünfundfünfzig. Fünfzig war ja angeblich das neue dreißig. Und sie wollte und mochte sich noch nicht damit abfinden, ihren Traum aufzugeben. Die Hoffnung auf einen Funken des Besonderen. Und wem tat das schon weh? Eventuell war der Unsterbliche ja in der Lage, die Zeit zurückdrehen und sie wieder jünger zu machen – dann musste sie sich eigentlich gar keine Grenze setzen.
Das klang doch gut …
Das klang nach etwas, an dem man sich festhalten konnte …
Lächelnd pustete sie die Kerzen auf ihrem Geburtstagskuchen aus und tauschte den Kaffee gegen ein Glas Sekt.

 

Daniela Herbst 09/06/2015 No Comments

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