Momentaufnahme

Sie saß auf dem Barhocker und fröstelte. In der Halle war es nicht wirklich kalt; trotz der gewaltigen Ausmaße und der recht bescheidenen Maitemperaturen. Vermutlich lag das Zittern eher an ihren Nerven – eine Schwäche, die sie gerade fürchterlich nervte. Immerhin modelte sie schon seit gut neun Jahren. Gehörte mit ihren fünfundzwanzig also quasi zu den alten Hasen im Geschäft.
»Alles in Ordnung bei dir?« Leander, der junge blonde Fotograf, der sie für das heutige Shooting gebucht hatte, lächelte ihr flüchtig zu und widmete sich dann wieder seiner Ausrüstung.
»Ja, klar. Danke.« Ein Schauder erfasste ihre Schultern, kroch ihr das Rückgrat entlang und schlängelte sich von da aus zum Steiß.
Verdammt, was sollte das? Sie arbeitete nicht zum ersten Mal allein mit einem Fotografen am Set. Bei der wirtschaftlichen Lage mancher Kunstknipser waren Ausgaben für Visagist, Assistent & Co. eben nicht immer im Budget. Keine große Seltenheit.
Außerdem schien Leander nicht das geringste Interesse für ihren Körper zu hegen. Beim Umziehen war ihr praktisch direkt vor ihm die linke Brust aus dem Kleid gehüpft und er hatte es überhaupt nicht bemerkt. Schwul, vergeben oder Profi.


»Ich bin gleich so weit.«
»Prima«, gab sie zurück und schmeckte beinahe die Anspannung, die sie durch aufgesetzte Lockerheit zu überspielen suchte.
Irgendetwas brachte die Haut an ihren Armen zum Kribbeln, ließ ihre Hände zittern und sammelte sich als kompakter Metallklumpen tief unten in ihrem Magen. Ein unbestimmtes Gefühl, das auf der Instinktebene ihres Verstandes blinden Alarm schlug.
Sie spielte kurz mit dem Gedanken, das Ganze abzublasen und zu verschwinden; verwarf ihn aber ebenso schnell wieder. Den Luxus konnte sie sich nicht leisten – weder finanziell noch sonst. Die Agentur bekam fast täglich neue Mädchen rein. Interessante Mädchen. Ungewöhnliche Mädchen. Jüngere Mädchen, die weniger verlangten und mehr Kompromisse eingingen. Ihr Typ wurde die letzten Monate selten angefordert und die fetten Modelljahre lagen ohnehin längst hinter ihr. Da sollte sie realistisch sein.
»Okay, wenn du möchtest, können wir jetzt anfangen«, verkündete Leander und blinzelte sie erwartungsvoll an.
»Gern.«
»Klasse, versuchen wir ein paar Probeaufnahmen. Experimentier ruhig mit den Posen. Wir schauen dann, welche passen und welche nicht.«

 

Klang simpel. Dadurch, dass sie sich aber beim besten Willen nicht daran erinnern konnte, wofür die Fotos herhalten sollten, gestaltete sich die Sache ein bisschen schwierig.
Natürlich bestand die Möglichkeit, ihn zu fragen – was an diesem fortgeschrittenen Punkt jedoch eindeutig nach unmotiviertem Model gerochen hätte. Außerdem flüsterte ihr etwas hinter der Stirn zu, die Klappe zu halten. Also versuchte sie stattdessen einfach, ein breites Spektrum an unterschiedlichen Gesichtsausdrücken und Verrenkungen zu präsentieren. In der Hoffnung, den Nerv des Künstlers nach dem Zufallsprinzip zu treffen.
»Perfekt. Sehr schön. Wunderbar.«
Zu ihrem Erstaunen überschlug sich Leander fast vor Begeisterung.
Innerhalb weniger Minuten hatte er locker um die hundert Bilder geschossen, die er anschließend genauestens unter die Lupe nahm und miteinander verglich. Seine Augen versanken schier im Display des Laptops. Teilweise schien er sie in seiner Konzentration sogar völlig vergessen zu haben.
»Ja. Das ist es«, verkündete er nach einer Weile und nickte mit Inbrunst. »Bitte winkel die Beine seitlich an, schieb die Knie vor und leg deine Hände gefaltet auf die Oberschenkel. Dazu ein dezentes Lächeln und das Kinn zur Brust.«
Sie befolgte bemüht seine Anweisungen. Trotzdem wollte die Pose nicht recht gelingen. Ihre Absätze fanden auf dem Boden keinen richtigen Halt und in ihren Waden breitete sich abwechselnd ein Krampf aus.

 

»Warte, ich helfe dir.«
»Nein lass. Ich kriege das schon hin.«
»Ach Quatsch, bevor ich es dir lange erkläre …«
Sie merkte, wie ihr das Herz in den Slip rutschte, als Leander zügig auf sie zuschritt, ohne eine Form von Zustimmung abzuwarten, ihre Beine fasste und sie zur Seite drückte.
Er war weder grob noch besonders sanft, eher mechanisch. Berührungen von jemandem, der sofort wieder friedlich hinter seiner Gerätschaft verschwinden oder ihr im nächsten Moment Gewalt antun würde …
»Bleib genau so.«
Zum Glück entschied er sich für die erste Variante.
Während sie ihre Lungen zurück in einen ruhigen Atemrhythmus zwang, huschte der Mann zu seinem Equipment und wühlte sich durch das Innere mehrerer Taschen. Vermutlich suchte er die eigentliche Kamera. Das Profigerät, das sie bislang vermisste. Denn bis auf das mittelklassige Stück für die Probeaufnahmen erspähte sie nichts, das auch nur im Entferntesten nach dem Knips-Werkzeug eines ernstzunehmenden Fotografen aussah.
Ein Stativ, jede Menge Lichttechnik, Laptop, Reinigungstücher, Objektive, Batterien – aber keine professionelle Kamera.
»Eine Sekunde … nicht bewegen …«, flötete er. Dann fand er offenbar das Gesuchte und hob es triumphierend in die Höhe.

 

Es war tatsächlich ein Fotoapparat. Allerdings ein ziemlich Merkwürdiger. Bestoßen. Klobig. Antik. Mit einer Linse, die an eine Ziehharmonika erinnerte. Wie aus einem Prospekt der 20er Jahre. Er wirkte derart deplatziert, dass sie für einen Wimpernschlag sogar ihre irrationale Angst vergaß.
»Bitte lächeln.«
Grelles Blitzlicht flutete die Halle.
Weiß überlagerte jeden Millimeter der Szene.
Nachdem es sich aufgelöst hatte, war Leander allein – die Frau auf dem Barhocker verschwunden. Grandios. Formidabel. Exzellent. Er nickte zufrieden und streichelte die obskure Kamera. Sein Wundergerät hatte es wieder einmal geschafft: Es hatte sie für immer in dieser perfekten Pose konserviert.
Ein fröhliches Liedchen pfeifend packte der Fotograf die Sachen zusammen. Wenn er den Film entwickelte, würde er sie wiedersehen. Dann mochte sie seine Sammlung bereichern und ihn durch manch einsame Stunde begleiten. Ein sprechendes, atmendes Foto, dessen Schönheit den Zerfall eines gewöhnlichen Körpers bei Weitem überdauerte.

 

Daniela Herbst 22/08/2013 No Comments

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