Moderne Errungenschaften

Kaum durch die Tür getreten knöpfte Christina ihre Bluse auf und entledigte sich dabei abwechselnd der Pumps. Nach vier Stunden Shoppen eine wahre Wohltat. Herrlich. Sofort schmiegte sich die Fußbodenheizung an ihre Sohlen. Schön … Genussvoll spreizte sie die Zehen und ließ Luft ihre blanke Haut streicheln. Das schwarze Schuhwerk schlidderte derweil klackernd über die Hochglanzfliesen in Marmoroptik.
Die Handwerker hatten wirklich ganze Arbeit geleistet: Natursteinwand im Wohnzimmer. Offene Küche mit zentralem Block, Gas, Induktion, Dampfgarer und Teppanyaki. Vollautomatische Jalousien, Klimaanlage, antiallergener Teppich im Schlafzimmer, Strukturtapeten, nachträglich platzierter Stuck, Wäscheschacht. Verdammt, diese Wohnung geizte nicht mit Extras.
Naja, die Renovierung war ja auch nicht gerade billig gewesen – ein bisschen Luxus durfte man da wohl erwarten.


Nach der Bluse streifte sie nun Top und Hose ab, die beide als zerknüllter Haufen neben dem Couchtisch landeten. In Unterwäsche sowie bester Laune betrat sie das Bad. Ihr Lieblingshandtuch mit der doppelten Mikrofaser hing bereits über dem neuen Heizkörper, der es selbst für Stunden immer schön auf der richtigen Betriebstemperatur hielt. Kuschelig. Außerdem stellte sich das Licht sofort auf ein dezentes Lila um.
Christina seufzte zufrieden. Die Ausgaben hatten sich definitiv gelohnt.
Zuletzt schlüpfte sie aus BH und Slip, steckte sich die Haare hoch und hüpfte unter die Dampfdusche. Auch beim siebten Durchgang noch ein ungewohntes Gefühl. Erfrischend, aber seltsam. Mit ihrem riesigen Rainshower-Kopf, dem halben Dutzend Massagedüsen, den LEDs und den vielen Knöpfen erinnerte sie das Ding irgendwie an die Transportkapsel eines Raumschiffs. Davon unbeeindruckt seifte sie sich ordentlich ein und stellte den Regler auf volle Kraft. Warmes weiches Wasser ergoss sich über jeden Zentimeter ihres Körpers.
Es streichelte sie fast, sodass es ihr schwerfiel, überhaupt wieder aus dem göttlichen Nass aufzutauchen. Allerdings wurden ihre Hände langsam schrumpelig und in gut einer Stunde war sie mit Nils zum Abendessen verabredet. Also schaltete sie die Dusche ab, wickelte sich in ihr Mikrofasertuch und rubbelte sich auf dem Weg zum Schlafzimmer trocken.

 

Mittendrin hielt sie am Panoramafenster neben der Couch, dessen gläserne Front in den Innenhof der Wohnanlage zeigte. Unten stand ihr Nachbar Herr Winkenroth und starrte zu ihr herauf.
Sie winkte ihm zu, doch er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Komisch, er war sonst ein überaus freundlicher und zuvorkommender Mensch. Christina fuchtelte stärker mit den Armen. Nada. Verwirrt betastete sie die dünnen durchsichtigen Vorhänge. Ob die ihm die Sicht versperrten?
Sie legte den Kopf schief.
Ja, vielleicht. Gab es da neuerdings nicht diese einseitig verspiegelten Spezialstoffe, durch die man zwar raus-, andere Leute aber nicht reinschauen konnten?!
Ihr Gehirn begann, zu rattern. Sie hatte unter so viele Umbaumaßnahmen und Schnickschnack ihre Unterschrift gesetzt, dass sie sich vermutlich nicht mal mehr an die Hälfte erinnerte. Sprach nicht unbedingt für einen erwachsenen Umgang mit Geld – oder ein gutes Gedächtnis.
Nichtsdestotrotz besaß sie jetzt offenbar verspiegelte Vorhänge. Cool.
Sie trat näher ans Fenster und streckte Herrn Winkenroth die Zunge heraus. Keine Reaktion. Sie grinste und zögerte eine Sekunde, dann riss sie sich das Duschhandtuch herunter und breitete die Arme aus.
Ihre nackten Brüste hüpften fröhlich auf und ab. Sie musste aussehen wie Kate Winslet auf der Titanic; nur ohne Klamotten. Ich bin die schamlose Königin der Welt! Vollends enthemmt packte sie beherzt zu, funktionierte ihre Hände zum Wonderbra um und spielte an ihren Nippeln. Sie hatte tierischen Spaß. Und der steigerte sich schier ins Unermessliche, als Herr Winkenroths Neffe just in dem Moment neben seinen Onkel trat. Und ebenso stur zu ihrem Fenster herauf glotzte wie dieser. Scheiße, wenn der wüsste …

 

Mit einem gekonnten Hüftschwung präsentierte Christina dem Publikum ihren prallen Hintern. Samba Karamba! Lachend ließ sie die Backen vibrieren. Malte unsichtbare Achten in die Luft und wackelte am Ende betont lasziv ins Schlafzimmer, um sich für das Abendessen mit Nils fertigzumachen. Schließlich wurde irgendwann selbst die aufregendste Peepshow langweilig.
Sie schlüpfte in ein knappes Kleid, legte drei Schichten Make-up auf und stöckelte eine halbe Stunde später aus der Eingangstür.
Am Briefkasten begegnete sie Herrn Winkenroth. 
»Hallo, Frau Nachbarin. Na, sie sehen aber hübsch aus.«
»Danke.« Sie spürte Hitze in ihre Wangen steigen. »Ich bin mit einem Freund zum Essen verabredet.«
»Da wünsche ich viel Vergnügen. Ich bin schon zufrieden, dass ich wieder die Hand vor Augen erkennen kann.« Der Mund des Mannes verzog sich zu einem schiefen Lächeln.
»Heute Nachmittag habe ich doch glatt meine Kontaktlinsen im Hof verloren. Wenn mein Neffe nicht zufällig vorbeigekommen wäre, würde ich da wahrscheinlich immer noch herumirren.«
Christina schluckte.
»Ich soll Sie übrigens von ihm grüßen und mich in seinem Namen bei Ihnen bedanken. Sie wüssten wofür …« Er kratzte sich am Kopf. »Außerdem meinte er, Sie sollten das herzförmige Muttermal vielleicht mal kontrollieren lassen.«

 

Daniela Herbst 18/07/2013 No Comments

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