Mehr als gedacht

Schwitzend schob sich Bernd in den schmalen Spalt zwischen einer Gruppe Fahrgäste und erbeutete ein paar Zentimeter Haltestange. Am liebsten hätte er sofort seine Daunenjacke ausgezogen. Wenn wie heute Hintern an Hintern klebte, stieg die Temperatur in der Straßenbahn sogar bei Schneefall schnell auf Saunaniveau. Jeder Atemstoß ein feuchtwarmer Aufguss. Aber für kompliziertes Entkleiden war schlichtweg kein Platz.
Enge, Gedrängel und Hitze – mindestens zwei schlagende Argumente, die diese Art der Fortbewegung für den Großteil der Weltbevölkerung zum kaum erträglichen Übel verunstalteten. Für Bernd dagegen bildeten sie die perfekte Arbeitsumgebung. 

 

Seine Finger vollführten ein paar Lockerungsübungen, während er den Blick über die fünf Leute um ihn herum gleiten ließ. Die beiden Frauen links von ihm würden sich nicht lohnen. Ihre Haare konnten das Wort Friseur vermutlich nicht einmal buchstabieren und die billigen Klamotten verrieten ihm, dass nicht nur optisch wenig bei ihnen zu holen war. Zusammen vielleicht dreißig Euro, die sie mitsamt ihren Plastikhandtaschen krampfhaft an die Brust drückten. Abhaken und ignorieren.
Vielleicht die zwei Jugendlichen, deren übertriebenes Hip-Hop-Outfit zumindest den Besitz eines Smartphones oder halbwegs teuren iPods versprach. Ware, die man mit ein bisschen Einsatz durchaus in bare Münze verwandeln konnte. Kein schlechter Anfang …
Bernd beschloss allerdings, ihr technisches Spielzeug zu verschonen. Seine Entscheidung fiel klar auf Kandidat Nummer fünf – einen blonden Typen im Businessanzug, der nach Joop und Erfolg roch. Schon in den ersten Sekunden hatten der klassisch geschnittene Zweireiher, der Aktenkoffer, die schwarz glänzenden Schuhe und der knielange Wollmantel seine Aufmerksamkeit erregt. Das galt besonders für Letzteren, denn die linke Tasche des guten Stücks beulte sich deutlich sichtbar aus. Eine rechteckige Erhebung, die fette Beute in Form einer prall gefüllten Geldbörse ankündigte.

 

Vorsichtig rückte er näher an den Mann heran. Das vertraute Kribbeln in seinem Magen setzte ein. Sein Puls beschleunigte sich und er versuchte, möglichst leise zu atmen. Im Grunde ein überflüssiger Akt. Blondschopf beachtete ihn gar nicht. Seine gesamte Aufmerksamkeit schien einer der Frauen mit den geschmacklosen Frisuren zu gelten. Kurz wunderte sich Bernd über das geradezu unverschämte Starren, dann nahm er es als freundliche Zuwendung des Schicksals hin und lächelte. Ein Ablenkungsmanöver gratis. Das sollte ein Kinderspiel werden.
Noch etwa hundert Meter bis zur nächsten Haltestelle. Routiniert versenkte er die Fingerspitzen in der Manteltasche und griff den ledrigen Inhalt. Es handelte sich tatsächlich um einen Geldbeutel. Flüchtig beäugte er das goldfarbene Logo – ohne Zweifel eine ziemlich bekannte Marke – und beglückwünschte sich zu seinem gelungenen Fang. Schließlich verstaute er das Stück Designerkunst in seiner Jacke und glitt zur Tür.

 

»Hey Sie!«
Schockiert registrierte er die Hand, die sich von hinten auf seine Schulter legte. Echt beschissenes Timing! Er wollte stur weitergehen, aber der menschliche Angelhaken hinderte ihn daran.
»Moment!«
Der Druck wuchs und Blondschopf streifte seitlich sein Gesichtsfeld. Bernd brach nun wirklich der Schweiß aus; und das lag nicht an der saunagleichen Innentemperatur.
»Ja?«
»Sie haben Ihren Schal verloren.«
»Was?« Ungläubig glotzte er Mann wie Strickware an, unfähig das Gehörte durch die Windungen seines Gehirns zu bugsieren.
»Ihr Schal!« Blondschopf streckte ihm das bunte Ding auffordernd entgegen.
Er nahm es ihm zeitlupenartig aus der Hand, betrachtete es abschätzend und murmelte rasch ein Dankeschön. Konnte das wahr sein? Offensichtlich. Und wer war er, sein Glück zu hinterfragen? Die Türen öffneten sich und Bernd fiel fast ins Freie. Statt grünen Uniformen beschied ihm dieser Tag also ein naives Opfer, eine nette Geste und zu allem Überfluss auch noch einen Schal. Denn das farbenfrohe Utensil hatte garantiert nie seinen Hals gewärmt. Dreifacher Volltreffer!

 

Von dem abklingenden Adrenalinschub beflügelt marschierte er zügig die Straße entlang. Die kalte Luft fuhr seinen Puls auf Normallevel; und als seine Lungen wieder rhythmisch Sauerstoff pumpten, hatte er bereits mehrere Häuserblocks hinter sich gelassen. Genug Abstand, sich endlich seinem Schatz zu widmen. Sogar wenn Blondschopf mit ihm ausgestiegen sein sollte. Worauf er bei dem Schreck gar nicht geachtet hatte. Egal.
Gespannt nahm er die Geldbörse in die klammen Hände und klappte das dunkle Leder auseinander. Ein Fünfziger, drei Zehner, drei Zwanziger, EC-Karte, Streifenkarte, Personalausweis …
Bernd hielt inne und zum zweiten Mal an diesem Tag sackte ihm der Magen in die Kniekehlen. Er stöhnte. Das selbstzufriedene Grinsen gefror und bloß unter großer Anstrengung widerstand er dem Drang, den Geldbeutel einfach von sich zu schleudern. Dabei hätte er nicht sagen können, was ihm mehr zu schaffen machte – das getrocknete Rotbraun, das krümelige Abdrücke auf seiner Handfläche produzierte, oder der besprenkelte Personalausweis mit dem Bild einer hübschen Brünetten namens Melanie.

 

Schlussendlich sorgte allerdings keines von beiden dafür, dass er sich in den dampfenden Schnee erbrach. Diesen Part übernahm die spontan aufkeimende Gewissheit, dass Blondschopf nicht mit ihm ausgestiegen war. Das konnte er gar nicht. Zumindest nicht, ehe die Frau mit der geschmacklosen Frisur ebenfalls ausstieg.
Denn das Raubtier blieb stets in der Nähe seiner Beute …

 

Daniela Herbst 04/07/2013 1 Comment

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