Mast- und Wolkenbruch

Auf rasanter Schussfahrt ging es den Strom hinunter. Vorne am Bug stand er und reckte sich dem Wind entgegen. Mit voller Energie stemmte er den Körper gegen die unsichtbare Faust, die ihn von seinem Platz zu schieben drohte. Kalter Sprühregen peitschte ihm ins Gesicht und bei jeder Welle schaukelte der wackelige Untergrund wie ein bockendes Pferd.
Zehn Meter voraus brach sich die Gischt an grauem Felsen.
Das Gestein war von Wasser und Wetter derart beansprucht, dass der Oberfläche selbst das geringste Körnchen Natürlichkeit fehlte. Kein Ausläufer zeichnete seine Silhouette in den von Wolken verhangenen Himmel und keine Vertiefung bot dem gluckernden Nass eine Kuhle zum Verweilen. Es schien, als habe sich die Klippe bereits vor langer Zeit ihrem Schicksal ergeben.
Sollte sie. Er würde standhalten.
Er würde der Gewalt des Flusses trotzen und nicht untergehen.
Am liebsten hätte er es hinausgeschrien. Doch ehe der Wille zu überleben bis an seine Zunge dringen konnte, riss ihn ein Ruck seitwärts und brachte jedes Aufkeimen von Zuversicht zum Verstummen. Dunkle Schneisen warfen ihre Schlingen aus. Der Boden unter ihm bebte. Donnerndes Grollen lag über allem – und falls möglich, waren ihm die Elemente hier noch feindlicher gesonnen als zuvor. Wild und unbarmherzig tobten die Fluten. Der Wind schnitt in sein Gesicht und wie flüssige Hände zerrten die Geister der Tiefe an seinem Schiff.

 

Tapfer versuchte er, die Bewegungen auszugleichen. Sich dem ungleichen Kampf als würdiger Gegner zu stellen. Mit Erfolg. Es war nicht leicht, aber fast schon mechanisch passte er seine Beinstellung den Windungen und Sprüngen an, die ihn abwerfen wollten. Seine Augen saugten sämtliche Details ein und trieben ihn instinktiv dazu, dem Feind stets einen Schritt voraus zu sein: Traf ihn ein Brecher von hinten, lehnte er bereits halb Richtung Heck. Streifte ihn eine nasse Ohrfeige, so war er ihr längst zum Bug hin ausgewichen und hatte den Großteil der Wucht auf diese Weise ausgebremst.
Parade, Abwehr, Angriff, Parade, Angriff, Abwehr, Luft holen – ihr Spiel ähnelte einem Tanz. Einem Tanz, der ihm auf Dauer zu viel abverlangte.
Er spürte es mehr, als dass er es wusste.
Er würde sterben. Bald.
Mit jeder Welle, die das Schiff traf, stahl der Strom ein Stück seiner Kraft. Spülte es aus seinem Körper und fraß es, ohne Mitleid oder Einsicht zu zeigen. Die Zeit lief ab. Zwei seiner sechs Beine versagten ihm bereits den Dienst. Streichhölzern gleich knickten sie ein und lagen nutzlos auf dem Blatt, das nun nach allen Seiten schaukelte und sich in zitternden Ellipsen um die eigene Achse drehte. Ein Strudel. Kreisende Wassermassen, die ihn unbarmherzig zum dunklen Schlund eines Kanals zogen.

 

Ahnend, wie unnütz das Manöver am Ende sein mochte, mobilisierte er seine letzten Reserven und breitete die Flügel aus, damit sie als Segel fungierten. Allein sie waren zu schwach.
Ergeben schloss er die Augen.
Der Strudel öffnete sein Maul und brachte das Schiff zum Kentern. Unsichtbare Gewalten rissen ihn in die Tiefe. Vertraute Hände forderten ihn zum Tanz; getragen von einem fremden Rhythmus aus Kälte und Frieden.
Hier und jetzt fand ein Kapitän sein nasses Grab.
Hier und jetzt ertrank ein Käfer im Rinnstein.

 

Daniela Herbst 02/06/2013 No Comments

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