Märchenwald Blues


Du musst keinen Drachen für mich erschlagen; es reicht, wenn du einem hässlichen Stofftier den Kopf abreißt. Du brauchst nicht unbedingt auf einem weißen Ross vor mein Fenster zu reiten; ein Fahrrad tut es auch. Es ist nicht nötig, dass du mir ein Königreich zu Füßen legst; mir genügt der Schlüssel zu deiner Zwei-Zimmer-Wohnung. Ich erwarte nicht einmal einen Prinzen; solange du dich regelmäßig wäschst und weißt, wie man das Wort »Anstand« buchstabiert, bin ich völlig zufrieden.


Verdammt, ich kann das nicht.

Natürlich sollst du einen Drachen für mich erschlagen. Selbstverständlich möchte ich, dass du auf einem weißen Pferd angeritten kommst. Und scheiße ja! Sicher träume ich von einem Thronanwärter, der mich schnappt und mit mir als zukünftige Königin von Woauchimmer in den Sonnenuntergang reitet! Aber wer außer den Gebrüdern Grimm glaubt denn bitte an Märchen?!

 

Du denkst, meine Ansprüche sind zu hoch? Wenn du wüsstest, was ich dafür schon alles in Kauf genommen habe …

Das letzte Mal beim Frisör war ich, als Hänsel und Gretel noch zu Hause wohnten – damit der Zopf auch ja bis zur Straße reicht. Ich fand es zu wenig Statement, mich einfach an einer Spindel zu stechen; folglich gab es gleich ein Tattoo aus Rosenranken. Ich kenne den Vor-, Mittel- sowie Nachnamen jedes der sieben Zwerge und kann die Rabenbrüder am Krächzen unterscheiden. Statt auf popligen Erbsen schlafe ich seit Jahren auf Billardkugeln. Ich küsse Frösche mit Zunge und klatsche sie danach an die Wand. Zudem trage ich ausschließlich rot.

 

Und was hat es mir bislang eingebracht?

Mein ganzes Geld ist für gläserne Schuhe draufgegangen. Der böse Wolf wollte mich im Wald vernaschen. Ich war mit Rumpelstilzchen beim Antiaggressionsseminar. Durch das dauernde Betten ausschütteln bin ich mittlerweile gegen Federn allergisch. Ein Jäger hat mir fast das Herz herausgerissen und Äpfel verursachen mir Übelkeit.  Letztens dachte ich sogar, mein Spiegel würde zu mir sprechen.

 

Mir reicht´s, werter Königssohn. Also beweg endlich deinen Arsch.
Mit den besten Grüßen
Eine frustrierte Prinzessin

 

Daniela Herbst 22/05/2013 4 Comments

4 thoughts on “Märchenwald Blues”

  1. Hallo Daniela,

    lustig und wahr ist deine Geschichte. Den Märchenwald Blues kenn ich, da helfen meist Bücher. Natürlich nur die richtigen.

    Liebe Grüße von Gisela von den Vorlesern

    1. Hallo Gisela,

      danke dir. Ich stimme da übrigens hundertprozentig zu … ein gutes Buch (vielleicht in Kombination mit Schokolade und einem Schaumbad?) ist ein gutes Mittel gegen den Blues.

      Liebe Grüße zurück

  2. Hallo Daniela (?)

    Ich lese Deine Geschichten,seit einiger Zeit, mit Begeisterung und Faszination.

    Liebe Grüße,

    Marc

    1. Danke Marc! 🙂

      Es freut mich wirklich sehr, dass dich die Geschichten begeistern konnten.
      Ein Kommentar wie dieser motiviert definitiv zum Weitermachen.
      Nicht zuletzt, wenn er von einem Schreibkollegen kommt.

      Liebe Grüße
      Daniela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.