Made in PRC

Als Thomas an diesem Samstag Richtung Park lief, hatte er das Gefühl, dass es ein ganz besonderer Tag werden könnte. Vielleicht keiner, an dem er eine Goldmünze auf dem Weg finden oder Mister Spock treffen würde, aber einer an dem mit viel Glück etwas Ungewöhnliches passierte. Und die Chancen standen gar nicht schlecht, denn für einen Elfjährigen war die Welt grundsätzlich voll von potenziellen Abenteuern, Geheimnissen und Entdeckungen.
Er bog links in den Kiesweg zum Spielplatz.
Natürlich steuerte er nicht direkt die Sandhalde mit ihrer Doppelschaukel, dem Klettergerüst und der Rutsche an – das Zeug war für Babys. Er wollte zu dem verwilderten kleinen Steingarten hinter dem Springbrunnen. Dort hatten er und Gregor letzten Monat das Fort entdeckt. Im Grunde handelte es sich nur um einen Busch mit langem, ineinander verschlungenem Geäst. Nachdem sie einige vertrocknete Stellen im Inneren entfernt und verschiedene Zweige zusammengebunden hatten, gab das Ganze aber ein hervorragendes Versteck ab. Fast wie ein Iglu aus Holz und Blättern. Sogar ein Fußboden in Form eines alten Brettes war vorhanden. Dazu eine Obstkiste, ein Radio mit Wackelkontakt und Spielkarten. Thomas´ Mutter wollte ihnen außerdem eine ausrangierte Wolldecke überlassen, die momentan allerdings noch im Wäschepuff herumgammelte.
Wegen ihm müsste sie das Teil erst gar nicht waschen – er legte sie später ohnehin in den Dreck – doch in dem Punk war sie eigen.
»Du hast ja keine Ahnung, wie schnell sich Viren und Bazillen verbreiten«, sagte sie bei solchen Gelegenheiten immer und verzog den Mund zu einer schiefen Linie. »Hygiene ist wichtig.«
Schien so zu sein, denn ständig sah er sie mit dem Staubsauger, einem Wischlappen oder dem Schrubber hantieren. Sein Vater meinte, sie hätte einen Putzfimmel und Angst vor imaginären Krankheitserregern. Da konnte er schlecht mitreden, vorsichtshalber versteckte er seine schmutzigen Comics aber in einer Pappschachtel unter dem Bett. Nicht, dass sie irgendwann versuchte, sie mit einem ihrer Mittelchen frühlingsfrisch zu kriegen.
Er grinste und rümpfte die Nase. Wenn seine Mutter herausfand, dass er letzten Dienstag an einem Baum geleckt hatte, würde sie wahrscheinlich ausflippen. Nichtsdestotrotz hatte er es tun müssen. Sonst wäre er vor Gregor als Feigling dagestanden.

 

Unvermittelt blieb Thomas stehen. Am Rand des schmalen Weges glitzerte etwas im Sonnenlicht. Er machte zwei Schritte vor und wieder zurück. Ja, eindeutig. Neugierig bückte er sich und schob mit den Fingern ein Büschel Gras auseinander. Zur Hälfte in der Erde steckend, ragte eine kleine silberne Tafel aus dem Boden. Vielleicht so groß wie sein Daumen. Mit eingeprägten Buchstaben auf der Vorderseite. Ohne lange zu überlegen zog er sie heraus und wischte den gröbsten Schmutz an seiner Hose ab. Sie hinterließ braune Schmierflecken. Mit einem Anflug schlechten Gewissens betrachtete er das Schlamassel, dann siegte der Forscherdrang und er versuchte, den Text zu entziffern.
Schien eine Fremdsprache zu sein. Romulanisch? Klingonisch?
Er änderte immer wieder die Perspektive, indem er die Platte im Licht hin und her drehte.
»M … a … d … e«, murmelte er. »Made. Made in PRC.«
Die ersten beiden Wörter kannte er. Sein Papa hatte sie ihm vor ein paar Wochen erklärt. Sie kamen aus dem Englischen und bedeuteten so viel wie gebaut in oder hergestellt in. Das stand auf ihrem Videorecorder. Allerdings hing in dem Fall hinten ein Hongkong dran. Wo genau sich dieser ominöse Ort befinden sollte, wusste er natürlich nicht. Irgendwo in Asien – da erschöpften sich seine Informationen. Jedenfalls schienen sie dort ziemlichen Schrott zu produzieren, denn kaum gekauft landete das Gerät auch schon im Schuppen.
Aber darum ging es ja nicht. Was zählte war, dass es sich bei Hongkong um ein Land, eine Stadt oder Insel handelte, die er zumindest dem Namen nach kannte. Anders PRC. Das ließ sich nicht einmal aussprechen, ohne zu spucken. Außerdem waren alle Buchstaben großgeschrieben und es fehlten die Selbstlaute.
Eine Abkürzung schoss es ihm durch den Kopf.
Doch wofür?
Thomas erreichte den Steingarten und sah sich um. Keine Spur von Gregor. Der Kerl verspätete sich wirklich jedes Mal; und das, obwohl er zu seinem letzten Geburtstag eine absolut spitzenmäßige Armbanduhr geschenkt bekommen hatte.
Zähneknirschend schlüpfte er in ihr Fort und setzte sich im Schneidersitz auf das Brett. In der Regel machte es ihm nichts aus, auf seinen Freund zu warten. Die freie Zeit nutzte er zum Nachdenken und Träumen. Heute dagegen wollte er ihm unbedingt und schnellstmöglich seinen Fund zeigen. Am besten sofort, dann könnten sie gemeinsam überlegen, was PRC bedeutete.
So musste er eben selbst die grauen Zellen anstrengen.

 

»P(eh)«, sagte er und schloss die Augen. »P … P … P(eh) …«
Der Laut explodierte mehrfach auf seinen Lippen. Wie diese bunten Prickelkugeln aus Mais, die im Mund knisterten. Ob das »P« dafür stand? Prickelkugeln? Nein, wohl eher nicht.
Er wippte ungeduldig mit dem Fuß. Schon eine Viertelstunde zu spät. Hoffentlich tauchte Gregor bald auf. Er wollte nämlich spätestens um vier wieder daheim sein; dann lief Raumschiff Enterprise. Die heutige Folge kannte er nicht, der Titel hörte sich aber verdammt spannend an: Das Spukschloss im Weltall. Das durfte er auf keinen Fall verpassen.
Eigentlich bräuchte er Kirk und Spock anstatt seines Freundes. Die beiden hatten Erfahrung im Lösen schwieriger Rätsel. Die Zwei beamten sich quer durch die Galaxis, landeten auf fremden Planeten und erledigten Weltraum-Monster mit ihren Phasern.
HmEventuell stand das P ja für Planet. Planet … R … C … Centauri … Rado Centauri … nein … Rio … Rheda … Rhonda … Planet Rhonda Centauri!
Das Schild könnte von einem Raumschiff abgefallen sein, das für notwendige Reparaturen im Park hatte notlanden müssen. Oder – die Variante gefiel ihm noch besser – es gehörte genau dorthin, wo er es gefunden hatte, und war nur locker geworden. Weil sich Made in PRC nämlich auf die Erde bezog. Entworfen, gefertigt und in die Versandabteilung gegeben auf dem Planeten Rhonda Centauri. So ähnlich wie in seinem Lieblingsbuch, das er gerade zum dritten Mal las: Per Anhalter durch die Galaxis.
Er grinste. Das war selbstverständlich Blödsinn.
Obwohl es so einiges erklären würde. Zum Beispiel, dass die Schule um acht Uhr morgens anfing, wohingegen er erst gegen Vormittag richtig wach wurde. Andersherum am Abend – da war er hellwach und wollte fernsehen, aber seine Eltern schickten ihn um neun ins Bett. Ausgerechnet, wenn die besten Filme und Sendungen liefen.
Mal angenommen, die Erde wäre tatsächlich von Außerirdischen gebaut worden – woher sollten die das wissen? In Per Anhalter durch die Galaxis war sie ein Supercomputer und gehörte intelligenten Mäusen. Und was verstanden Nagetiere schon von Schulen und Fernsehen?
Wo er so darüber nachdachte, ergab die Sache immer mehr Sinn.
Stammte nämlich der Planet von Außerirdischen, galt das vermutlich auch für die Tiere und Menschen. Sie wurden nicht geboren, wie man ihnen weismachen wollte, sondern auf dem Fließband zusammengeschraubt. Dieser Mist mit dem Sex, dem Ei und den Spermien kam ihm ohnehin von Anfang an unglaubwürdig vor.
Und wie bei ihrem Videorekorder ließ die Ausführung manchmal zu wünschen übrig und es gab Konstruktionsmängel. Zum Beispiel bei ihrem Schnauzer Caesar. Der kleine Kerl hatte eine Blase in der Größe einer Haselnuss und musste sich spätestens alle ein bis zwei Stunden erleichtern. Oft in kürzeren Abständen, was dann meist zu Unfällen auf dem heimischen Wohnzimmerteppich führte. Für seine Mutter jedes Mal eine mittlere Katastrophe. Aber was sollte Caesar machen; er konnte es eben nicht halten. Ganz ähnlich erging es Opa Harald, der zum Glück jedoch noch nie auf den Wohnzimmerteppich gepinkelt hatte.

 

»Hey, du Sack!«
»Selber Sack!«, rief er und tat so, als hätte ihn Gregors plötzliches Auftauchen samt Klaps auf die Schulter nicht erschreckt. »Wo warst du Sack?«
»Sind doch nur …«, er sah auf seine Armbanduhr. »Zwanzig Minuten, du Sack!«
»Das ist keine Antwort, du Sack.«
»Musste noch was erledigen, du Sack.«
»Und was, du Sack?«
»Sachen halt, du Sack.«
So ging das einige Male hin und her, bis sämtliche Klarheiten beseitigt waren. Natürlich immer mit einem »du Sack« am Ende jeden Satzes. Das fanden sie beide gerade supercool. Eine weitere Eigenheit Elfjähriger – sie begeisterten sich für alles Vulgäre und konnten stundenlang über Worte wie »Flitzeschiss« oder »Arschritze« lachen.
Nach ihrem höchst geistreichen Dialog brachte Thomas seinen Freund auf den neusten Stand, zeigte ihm das Schildchen und erläuterte ihm seine Theorie vom Planeten Rhonda Centauri. Er hielt sie auf Anhieb für einleuchtend. Und selbstredend gedachte auch er spätestens um vier zuhause sein, um Das Spukschloss im Weltall zu sehen. Er kannte die Folge zwar schon, wollte sie aber unbedingt nochmal anschauen.
»Und meinst du wir sind alle Roboter oder so?«
»Quatsch!«, sagte Thomas. »Ich bin keiner. Du vielleicht.«
»Ganz bestimmt nicht.«
»Deine Schwester ist sicher einer.«
Dem konnte Gregor kaum etwas entgegensetzen. Claudia, die gut vier Jahre älter und einen Kopf größer als ihr Bruder war, verhielt sich wirklich oft wie falsch programmiert. Angeblich lag das an der Pubertät. Er wusste nicht recht, ob er das glauben sollte.
»Gestern hat sie hinterm Bäcker mit irgendeinem Typen aus der Oberstufe geknutscht.«
»Igitt!«
»Mit Zunge!«
»Doppeligitt!«
Claudia stammte ohne Zweifel aus einer Fabrik auf Rhonda Centauri. Wer stopfte seinen BH sonst mit haufenweise Taschentüchern aus und schmierte sich heimlich Farbe ins Gesicht? Außerdem mochte sie Raumschiff Enterprise nicht. Ihrer Meinung nach viel zu kindisch und unrealistisch. Das sagte ja wohl alles …
»Und unsere Eltern?« Gregor holte eine Packung Prickelkugeln aus der Jackentasche, streute erst Thomas und dann sich eine Portion in die Handfläche.
»Meine Mutter könnte ein Putzroboter sein.« Er musste kichern.
Die Maisperlen zerplatzten und schäumten auf seiner Zunge. Ein saurer Geschmack nach Früchten breitete sich in seinem Mund aus. Schmeckte ekelhaft, aber das einzigartige Gefühl war es wert. Er schluckte den leicht matschigen Brei ohne zu kauen runter und hustete gegen seinen trockenen Hals an. Blöd, dass sie nichts zu trinken mitgebracht hatten.
»Falls mein Vater ein Roboter ist, tippe ich auf einen Geizobot«, sagte Gregor und runzelte die Stirn. »Letztens wollte ich Geld für ein paar Comichefte, da hat er mir vorgerechnet, wie lange er dafür arbeiten muss.«
»Übel. Meiner wäre ein Autobot.«
»Und meine Mutter ein Lockenwicklerbot.«
Sie brachen beide in schallendes Gelächter aus. Sie hielten sich die Bäuche und spuckten bunte Reste von Prickelkugeln durch das Fort. Das war zum Schießen komisch.
Doch irgendwo zwischen einem wilden Rückenklopfer und dem Moment, in dem ihnen vor Lachen die Tränen kamen, wandelte sich Thomas´ Stimmung. Er wurde ernst und sein Lachen künstlich.
Natürlich blieb seinem Freund die Veränderung nicht verborgen; trotz aller Bemühungen, sie zu überspielen.

 

»Sie reden immer noch nicht mit dir darüber, oder?«
»Nein.«
Seit Wochen schlichen seine Eltern um ihn herum, als wären die beiden vom Föderationsrat und er ein feindlicher Spion der Romulaner. Sie verbargen etwas vor ihm. Und jedes Mal, wenn er sie darauf ansprach, lächelten sie übertrieben und versicherten ihm, dass alles in Ordnung sei.
»Ich bin krank.« Thomas legte den Kopf schief. »Denken die, das merke ich nicht?«
»Bist du sicher?«
»So ziemlich.«
»Fühlst du dich krank?«
»Ein bisschen. Außerdem haben sie mit Doktor Weidner telefoniert und einen Termin bei einem Spezialarzt vereinbart.«
»Scheiße.«
»Kannst du laut sagen.«
Sie verfielen in Schweigen. Jeder hing eine Weile seinen eigenen Gedanken nach, während die Blätter in ihrem Versteck raschelten und eine kalte Windböe durch das Geäst pfiff. Draußen bewölkte es sich. Sah nach Regen aus.
»Wahrscheinlich haben die auf Rhonda Centauri deinen Eltern einen Schweigeknopf eingebaut.«
»Einen was?!«
»Einen Sensor. Oder so einen automatischen Schalter.«
»Meinst du?«
»Klar«, bestätigte Gregor mit dem Brustton der Überzeugung. »Bei schlechten Nachrichten – zack – schickt ihr Gehirn eine Warnung an ihren Mund raus und lähmt ihre Zunge.« Er untermalte die Theorie mit entsprechenden Handzeichen und einem schrägen Grinsen.
»Dann denkst du, es ist was Schlimmes?«
»Quatsch!«
»Und wenn doch?«
»Mach dir keinen Kopf.« Er rutschte zu ihm rüber und legte ihm den Arm über die Schulter. »Wahrscheinlich hast du Pickel am Arsch und das ist ihnen peinlich.«
»Idiot.«
»Sack!«
»Selber Sack!« Dankbar für die Aufmunterung sah Thomas zu seinem Freund auf.
Der blickte mit einer Ernsthaftigkeit zurück, die er so gar nicht von ihm kannte.
»Ich habe Angst.«
Gregor nickte bloß und drückte seine Schulter eine Spur fester.

 

Den Rest des Nachmittags verbrachten sie damit, als Captain Kirk und Mister Spock die Erde vor den Klingonen zu retten. Über die Krankheit oder das Schildchen redeten sie nicht mehr. Die Zeit verflog und um Viertel vor vier trennten sie sich schließlich.
Das Spukschloss im Weltall war dann tatsächlich so klasse, wie es der Titel versprach, und beide verkündeten am Ende, die Folge garantiert noch hundertmal anzusehen.
Gregor sah sie in den kommenden Jahren weitere fünf Male. Thomas hätte das unter anderen Umständen wahrscheinlich auch. Er liebte alles rund um Flüche, Zauberei und Gruselgestalten. Ein bisschen weniger als Raumschiff Enterprise im Besonderen und ein bisschen mehr als Science-Fiction im Allgemeinen. Außerdem hätte er früher oder später herausgefunden, dass PRC für »People´s Republic of China« auf Deutsch »Volksrepublik China« stand. Was wie Hongkong in Asien lag und Videorekorder exportierte.
Aber Thomas bekam keine Gelegenheit dazu. Acht Monate nach diesem Tag im Park starb er an Krebs.
Gregor behauptete eine Zeitlang, man habe ihn nach Rhonda Centauri zurückgebracht, um ihn zu reparieren. Seine Eltern schickten ihn daraufhin zum Kinderpsychologen, der Gregors Art der Trauerbewältigung zwar äußerst kreativ fand, ihm indes riet, bald damit aufzuhören. Was er ein paar Wochen später dann auch tat.
Das Schildchen mit der ominösen Botschaft ging wohl irgendwann beim Ausräumen von Thomas´ Zimmer verloren. Vermutlich hat sein Vater es im Eifer des Gefechts weggeworfen. Seine Mutter konnte es nicht gewesen sein; sie rührte die Sachen ihres Sohnes nicht an. Sie machte danach nicht einmal sauber. Sie machte überhaupt nie wieder etwas sauber. Es erschien ihr unnötig.
Und die Bewohner von Rhonda Centauri?
Die legen jedes Jahr zu seinem Todestag eine Schweigeminute ein; in Gedenken an eines ihrer gelungensten Exemplare. Zumindest erzählt das Gregor heute so seinen Kindern, wenn er mit ihnen über seinen ehemals besten Freund Thomas spricht. Mit einem Augenzwinkern und einem Kloß im Hals.

 

Daniela Herbst 14/09/2016