Loslassen

Sie stand auf der Brücke und blinzelte zu den Autos, die zwischen den Betonpfeilern hindurchrasten. Wenn sie wie jetzt die Augen ein Stück zusammenkniff, ähnelten sie den Bewegungsschweifen in Comics. Unecht und auf angenehme Weise irreal.

Einzig der Lärm machte ihr etwas zu schaffen. Er Teddydröhnte hinter ihrer Stirn und erschwerte ihr das Denken.Sie nahm einen stinkenden Atemzug, setzte ihren Fuß auf die untere Querstange und hielt sich mit der rechten Hand am Geländer fest. Die Linke brauchte sie für Bodo.


Ein trauriges Lächeln verzerrte ihre Mundwinkel. Bodo … der ausgeleierte Teddy hing schlaff in ihrem Griff, sah sie dabei aus schwarzen Knopfaugen Augen an und baumelte dreifingerbreit über dem Asphalt. Vierzig Zentimeter braunes Fell, dem das meiste seiner Füllung fehlte. Ihr krampfte sich das Herz zusammen.
Bodo … der Name eines Sportlers, den sein Vater gemocht hatte … eines Fußballspielers? …

Sie zuckte die Schultern, hockte sich rittlings auf die obere Querstange und drehte ihren Körper zur Fahrbahn.
Träge schielte sie auf den Verkehr.
Die insgesamt vier Spuren der Bundesstraße glichen einem reißenden Fluss. Blätter, Staub, ihr Blick, die Luft, einfach alles schien dem Sog zu folgen. Ein Chaos an Bewegung, das in einem dicken Tränenschleier versank, der ihr zunehmend die Sicht raubte.
Bereits vor sechs Monaten hatte sie hier gestanden.
Genau an dieser Stelle.
Das war kurz nach Bennys Beerdigung gewesen.
Da wollte sie springen – und konnte es nicht.

 

»Sie sind traumatisiert«, hatte der Psychologe gemeint. »Ihr Sohn ist tot. Sie müssen lernen, loszulassen.«
Der Kerl war definitiv kein Vater …
Nacht für Nacht träumte sie von dem verdammten Raser. Sah ihn den Bus schneiden und abhauen, während »zwanzig verängstigte Kinder in die Leitplanke krachen und sich überschlagen.« So der Text der Zeitungsmeldung. Sie kannte ihn mittlerweile auswendig. »Ein Junge und zwei Mädchen sterben am Unfallort … vier Kinder schweben noch in Lebensgefahr …«
Benny war einer von den Vieren gewesen.
Er starb ein paar Stunden nach Erscheinen des Artikels.
»Traumatisiert … Idiot!« Den Griff fest um Bodos Arm schwang sie die Hüfte in einer formvollendeten Drehung über die obere Querstange und lehnte sich rückwärts gegen das Geländer.

 

Aber in einem Punkt hatte der Kerl Recht – sie musste loslassen …
Mechanisch öffnete sie ihre Finger und Bennys einstmals bester Freund auf Erden glitt aus ihrer Hand.
Bodo blickte sie ein letztes Mal aus schwarzen Knopfaugen an, dann sackte er sekundenschnell nach unten und krachte als braune Kanonenkugel Richtung Straße. Heruntergezogen von den Steinen, die seine fehlende Füllung ersetzten.
Er durchschlug die Frontscheibe eines silbernen BMW.

 

Daniela Herbst 16/04/2013 No Comments

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