Liebes Bordbuch …

Seit heute Vormittag umkreise ich einen kleinen, unscheinbaren Planeten im Alpha-Blau-Quadranten. Er besteht aus jeder Menge Wasser, dazwischen gestreuten Landmassen und hat einen Mond. Bislang konnte ich die dominante Spezies noch nicht eindeutig bestimmen, aber es muss sich entweder um die sogenannten »Menschen« oder um die »Handys« handeln. Beide tauchen meist im Verband auf, daher vermute ich eine symbiontische Beziehung.
Die runde Kugel im All verfügt außerdem über eine artenreiche Flora und Fauna. Obwohl ich aus manchen Bezeichnungen nicht recht schlau werde. So gibt es dort Gummibäume, die tatsächlich zu den Pflanzen zählen, wohingegen Gummibärchen wohl keine Untergruppe der Bären sind. Auch tragen Zaunkönige keine Krone, kann der Frauenschuh nicht laufen, mögen englische Schmetterlinge nicht automatisch Butter, haben Silberfischchen keine Kiemen und ist Goldregen trotz des Edelmetalls im Namen nicht wertvoll.
Wirklich verwirrend.
Ach ja, und sie verwenden immer noch die alte Zeitrechnung von sechzig Sekunden die Minute, sechzig Minuten die Stunde, vierungszwanzig Stunden ein Tag, sieben Tage eine Woche, zweiundfünfzig Wochen oder zwölf Monate das Jahr und sieben Jahre für ein kosmisches Fleißsternchen.

 

Interessanterweise scheint es dort unten gleich drei parallele Realitäten zu geben. Eine heißt »Fernsehen« und ist offenbar eine Form von Miniaturwelt, die in rechteckigen flachen Kästen ihr Dasein bestreitet. Sie führt zu leichten Paralyse-Zuständen und schränkt die Bewegungsfähigkeit extrem ein. Die andere nennt sich »Internet«; ein quasi überall präsenter Wissens- und Spaßlimbus mit rudimentärer Kommunikation. Sorgt gleichzeitig für Informationsvermehrung wie Verdummung. Die letzte Realität gibt mir Rätsel auf. Obwohl sie meinen Recherchen nach die Echteste der Drei darstellt, liegt ihre Zielsetzung wohl hauptsächlich auf Schlafen, Essen, Essen absondern und einer witzigen Sportart namens »Sex«. 
Was den Erwerb lebensnotwendiger Dinge angeht, greifen die Bewohner des Planeten auf archaische Methoden zurück. Meist bedienen sie sich des primitiven Tauschhandels mit bunt bedrucktem Papier und glänzenden Münzen. Manchmal regeln sie ihre Geschäfte auch online oder indem sie mit Karte bezahlen. Den Teil verstehe ich nicht ganz, aber ich schätze, dabei handelt es sich um irgendetwas Versautes.

 

Eigentlich würde ich gern eine Erkundungstour machen und mich runter beamen – peinlicherweise muss ich gestehen: Ich traue ich mich nicht. Obwohl es wahrscheinlich albern ist, erinnerte ich mich an eine alte Geschichte, die meine Mutter uns siebenunddreißig Kindern immer vor dem Schlafengehen erzählt hat. Ein Schauermärchen, das mir selbst als Erwachsener noch eine Gänsehaut beschert.
Es ging um eine Gruppe Forscher, die eines Tages in einer fernen Galaxie eine Raumschiffpanne erlitten haben und auf einem fremden Planeten notlanden mussten. Zunächst schien es, als wäre die Bevölkerung – ich kann mich nicht mehr entsinnen, wie sie hießen – ihnen freundlich gesonnen. Doch statt zu helfen, entführten sie die Forscher, sperrten sie in ein unterirdisches Gefängnis und nahmen grausame Experimente an den armen Teufeln vor. Am Ende sind sie alle ermordet worden und keiner sah je die Heimat wieder.
Die Geschichte spielte an einem Ort, der eigentlich ganz sympathisch klang … Roswell oder so ähnlich.
Naja, ich schätze kaum, dass ich ausgerechnet diesen Planeten erwischt habe.
Heute Nachmittag überwinde ich meine dämlichen Ängste und besuche die da unten. Ich werde dir dann morgen davon berichten. Falls sie mich nicht entführen und umbringen *grins*.

 

Daniela Herbst 17/04/2014 No Comments

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